Deutsche Amtssprache

Eben erreicht mich als Geschäftsführer meiner GmbH ein Beschluss eines Gerichts. Ich habe das Schreiben drei Mal gelesen und weiß noch immer nicht, was man mir damit sagen will. Okay, einen der genannten Namen kenne ich, und die Überschrift in der die Art des Beschlusses steht, die sagt mir auch, dass sich hier zwei um Geld streiten.

Dann versuche ich dem Schreiben zu entnehmen, was genau man von mir wissen oder haben will. Aber ich finde nix. Dann lese ich den ersten Satz noch ein viertes Mal und kapiere ihn noch immer nicht. Da ich ihn nicht lesen kann, beschließe ich ihn zu zählen. Ich bin Mathematiker, und zählen kann ich. Komme auf erstaunliche 96 Wörter. Im ersten Satz!

Wenn meine Mitarbeiter einen Brief im Namen meiner Firma verfassen würden, dessen erster Satz aus 96 Wörtern besteht, so würde ich ihnen aber richtig Dampf machen! In wessen Firma das wohl so sehr anders läuft?

Also versuche ich herauszufinden, wer eigentlich der Absender des Briefes ist. Und siehe da: der steht nirgends. Auf dem vieresitigen Brief sind immerhin 11 Stempel, darunter die von zwei Amtsgerichten und von einem Gerichtsvollzieher. Letzterer hat das Schreiben offenbar zugestellt, und auf dem Umschlag steht sein Name und seine Telefonnummer.

Ich rufe ihn an. Möchte ganz freundlich von ihm wissen, was in dem Brief steht. Er lehnt jedes Gespräch über den Inhalt ab, er sei nur Zusteller. Plötzlich streiten wir darüber, ob seine Visitenkarte im Umschlag war oder nicht. Sie war nicht darin, behaupte ich zu Recht – denn sie war nicht darin. Darauf brüllt er mich an, woher ich dann seine Telefonnummer hätte, sie stünde ja nur auf der Visitenkarte. Ich erkläre ihm, dass sie im Stempel auf dem Umschlag stehe, was er glatt verneint. Da stünde sie nicht drauf, also solle ich zugeben, dass die Visitenkarte drin sei. Ich fasse den Verlauf des Gespräches kaum noch, kann ihn beruhigen, sogar auf meine Seite ziehen. Am Ende schimpft er unisono mit mir darüber, dass die Sprache der Ämter und Gerichte in Deutschland wirklich ein Skandal sei, und er empfiehlt mir, nach der genannten Kanzlei zu googlen und dort anzurufen.

Mache ich, „thomae kempten“ liefert sogar deren Webseite. Am Apparat nach längerer Wartezeit der Anwalt selbst. Ja, das Schreiben stamme von ihm. Ich frage ihn, auf wie viele Wörter er die Länge seines ersten Satzes schätze, er lässt sich aber nicht auf das Spiel ein, sondern will wissen, worauf ich hinaus wolle. Ich nenne ihm meinen Bildungsgrad und meinen IQ und erkläre, dass ich sein Schreiben nicht verstehe und ihn bitte, es mir in meiner Sprache zu erklären.

Er meint lapidar, ich könne es zur Personalakte heften und müsse weiter nichts tun. Aha. Als ich ihn frage, warum sein Schreiben keinen Absender aufweise, warum es mit der zweiten Seite beginne und warum mich schon der erste Satz mit 96 Wörtern erschlage, da kontert er: Herr Eich, was Sie mir sagen wollen, habe ich verstanden, gibt’s noch was?

Ich erkläre ihm, dass er nichts verstehen würde, wenn sich zwei Mathematiker unterhalten. Wenn die Mathematiker jedoch ihn ins Gespräch einbeziehen, so könne er erwarten, dass sie von der Fachsprache abließen und Umgangssprache (nennt sich auch „Deutsch“) sprächen. Und genau das würde ich auch von ihm erwarten.

Darauf erklärt er mir, dass ich nur einen Auszug seines Schreibens ans Gericht weitergeleitet bekommen habe. Und wenn er in normalem Deutsch ans Gericht geschrieben hätte, dieses wiederum sein Schreiben nicht verstanden hätte.

Das hat er wirklich gesagt!

Vor ein paar Tagen habe ich irgendwo von einem europäischen Land gelesen, wo die Bürger unverständliche Schreiben ihrer Ämter zurücksenden können, damit das Amt es verständlicher verfasse.

Das brauchen wir in Deutschland auch. Schließlich sind die Ämter und Gerichte für die Bürger da, und nicht umgekehrt!

Denn „Amtssprache“ ist nicht die Sprache der Ämter, sonder die amtliche Sprache des Landes.

Verdammtnochmal!

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

8 comments

  1. aber ist doch schön wenn du es nur abheften musst. schlimmer wäre doch du müsstest darauf reagieren – in einer art und weise wie du sie nicht verstehst. würdest du ihnen auf deutsch antworten, würden sie dich ja nicht verstehen…
    komplizierte welt…

  2. Wenn ich ein Schreiben bekäme, sogar vom Gerichtsvollzieher zugestelt, welches ich nicht verstehe, und dann der Absender behaupten würde, ich solle es einfach abheften, würde ich seeeeeehr interessiert sein, was tatsächlich darin steht.

    Ich würde wenigstens ein Schreiben an den Rechtsanwalt machen „Wie wir heute telefonisch besprochen haben muss ich auf dieses Schreiben nicht reagieren, sondern ‚es nur in die Personalakte ablegen'“.

    BTW: Ich möchte nicht wissen, wieviel Millionene Euro wegen unberechtigter Mahnbescheide bezahlt worden sind. Und die sind wirklich nicht leicht zu durchschauen. Und auch noch vom Gericht.

  3. Ich schließe mich SvenRs erstem Absatz an. Wegheften könnte genau das falsche sein. Vielleicht pokert der mann ja nur und hofft, daß Du so eine Einsruchsfrist o.ä. versäumst…

    Du hast doch sicherlich ne Rechtsschutzversicherung – also auch kostenlose Beratung. Ruf Deine Versicherung an, laß Dir nen Anwalt empfehlen und laß den das gegenlesen, würd ich vorschlagen.

    Kann ja jeder kommen…

    LG, Neri

  4. @SvenR und Neri: Danke für die Vorschläge, aber hier streiten sich zwei um mein Geld, dh ich bin (zum Glück) nicht Teilnehmer des Streits.

  5. So sind Sie eben die Briefe der Behörden. Lässt sich nichts machen. Martin

  6. Amtssprache ist halt schwere Sprache. Sinn fehlt.

  7. Ja, das muss man echt studieren um es zu verstehen. Gebe Euch da vollkommen Recht. :-)

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