Die Wichtigkeit der Reißleine

Fliegen bei schönem Wetter macht nicht nur Spaß, sondern ist eigentlich auch ganz einfach.

Ein großer Teil der Ausbildung eines Piloten besteht aber nicht nur darin Gefahren zu vermeiden, sondern vor allem lernt man ihnen im Fall der Fälle auch sicher zu entkommen.

Man lernt also die Situation zu beherrschen, die zu vermeiden man erst recht lernt. Und wenn man beides gut kann, dann übt und tut man dauernd das eine, das andere jedoch nie. Was auch irgendwie gefährlich ist.

Ähnlich ist es beim Unternehmensgründen. Man tut alles, um das Start-Up zum Fliegen zu bekommen, und wenn man gut ist, dann klappt das auch. Wieder und wieder.

Und dabei verlernt man leicht den Umgang mit der Reißleine.

Wenn ich sie dann trotzdem plötzlich ziehen will, so brauche ich schon mal diese lange Vorrede, um mir den Misserfolg so gut und nützlich zu reden, wie er ist.

Mein Traum von Everybike

Kurzum: vor einem halben Jahr begann ich einen lang gehegten Traum umzusetzen. Mit Everybike wollte ich eine Marke schaffen, die für die schönsten Radreisen der Welt steht. Also ein oder zwei Dutzend exotischer Traumreisen zusammenfassen, die man mit dem Rad erleben kann.

Meine Idee war, dass ich meinen Namen als Radreise-Experte damit in Verbindung bringe, und dann mit der durchaus angenehmen Tatsache für diese Reisen werbe, dass ich sie persönlich erlebt habe und miterleben werde.

Ich wollte also jedes Jahr drei neue tolle und exotische Reisen ins Programm aufnehmen, die Spezialisten vor Ort für mich organisieren. Alles geführte Gruppenreisen mit dem Bike. Und beim ersten Termin bin ich jeweils selbst dabei, fotografiere und dokumentiere die Reise, um sie anschließend persönlich und erfrischend subjektiv online zu beschreiben und bewerben. Aus erster Hand, und dennoch nicht vom Veranstalter selbst.

Eine runde Sache, mit der niemand reich wird (weil keine skalierbare Geschäftsidee), die sich aber mehr als selbst trägt, und bei der ich mein Know-How mit meinem Wunsch kombinieren kann, selbst wieder mehr mit dem Rad und der Kamera zu erleben. Dachte ich zumindest.

Innere Bilder als Motivation

Wie das so ist beim Unternehmensgründen, sah ich blühende Landschaften vor meinem inneren Auge – und nicht die Feldarbeit. Also ein funktionierendens und verlockendes Fernziel, aus dem ich normalerweise sehr leicht die Motivation für jeden einzelnen Zwischenschritt herauspressen kann, wie süßen Saft aus einer reifen Orange. Ich sehe das Ziel, und dann muss ich nur noch ein paar Monate oder Jahre lang schuften, um dahin zu gelangen. Eine Kleinigkeit, während derer ich in Gedanken bereits die ganze Zeit durch die reifen Gärten spaziere und mich über die Ernte freue. Normalerweise.

Doch einerseit bemerkte ich an mir eine faktische Abneigung dagegen, die vielen Details zu klären. Ich wollte und wollte die Dinge einfach nicht erledigen. Keine großen Sachen, sondern ein Telefonat hier, ein Email dort, eine Einweisung von Mitarbeitern, oder einfach nur ein Buchungsformular auf der Webseite.

Ich sah also die prallen Gärten, wollte mir aber partout keine Gummistiefel zur Sat anziehen.

Ich schob das alles Woche um Woche vor mir her – und verlor den Spaß daran. Ich hatte ein Motivationsproblem. Eine auf den ersten Blick ganz neue Erfahrung für mich.

Selbst ein (schon länger geplantes) NLP-Seminar wollte meiner Motivation in dieser Sache nicht auf die Sprünge helfen. Meine Bilder waren bereits paradiesisch auf allen inneren Kanälen. Mehr Bunt und mehr Groß ging gar nicht, und meine eigenen Methoden sind längst erprobt und taugen locker als Muster für jedes Coaching. Eigentlich.

Die richtigen Farben für das falsche Motiv

Mein Ziel war also definiert, und der Weg zum Ziel ist für mich kein grundsätzliches Problem. Hier lag also etwas anderes falsch.

Es waren nicht die Eigenschaften meiner inneren Bilder. Es war kein Motivationsproblem, wie ich zu den Bildern gelangen könnte.

Sondern die Bilder hatten das falsche Motiv!

Ich plante nämlich Reisen mit Everybike nach Südafrika, nach China und in die Rocky Mountains, und nebenbei wurde dafür gerade mein maßgeschneidertes Weltreiserad gebaut. So weit, so gut.

Doch wenn ich mir dieses Rad vorstelle, dann sehe ich mich damit:

  • Durch Island radeln – und nicht auf den Reisen von Everybike.
  • Alleine – und nicht in einer Gruppe von Everybike.
  • Mit dem Zelt – und nicht in Hotels einer Pauschalreise.

Ich will Reisen wieder selbst erleben und keine Reisen mehr veranstalten.

Es waren gute Gespräche mit Freunden und Mitarbeitern (danke dafür!), die mich auf das richtige Gleis gebracht haben.

Du machst nun genau das, was du an Rundays nicht haben wolltest – sagte die eine. Du brauchst keine Reisen verkaufen um sie zu erleben – sagte der andere. Du willst Freiheit erleben und gehst lauter neue Verpflichtungen ein – sagte ein weiterer.

Ich hatte mir das falsche Bild gemalt.

Darum habe ich gestern die Reißleine gezogen und das Projekt Everybike gestoppt.

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

3 comments

  1. Peter,
    gratuliere! Zu Beidem: zum NLP-Seminar und den dabei gewonnenen Erkenntnissen. Insbesondere aber zum Mut, die Erkenntnisse auch in Taten umzuwandeln. – Radelst Du auch mal bei uns vorbei?
    Es grüsst mit grossen bunten Bildern von der Schwäbischen Alb, Katharina

  2. Ich freu mich für dich, Peter! Auch dafür, dass du nicht den Glauben an deine eigene Motivation verloren hast, sondern rausgefunden hast, was tatsächlich schief lief.
    Ich hoffe, dass mir deine Erfahrung bei Gelegenheit mal selbst Einsicht verschaffen wird, sollte ich in so einer Situation stecken.
    Ganz liebe Grüße aus Jakarta, Lola

  3. Nun habe ich deinen Artikel doch noch gelesen… und finde ihn äußerst inspirierend!
    Herzlichen Gruß aus der Steiermark!

Kommentar verfassen