Kurzgeschichte: Der Ahnalter

Diese Kurzgeschichte habe ich 1988 als Schüler der zwölften Klasse geschrieben und eben wieder gefunden. Vermutlich hatte ich kurz zuvor Gödel Escher Bach gelesen.

Wer die Geschichte nicht komplett lesen will, kann die Lektüre auch anhören und anschauen ;)

Wie gesagt, ich war damals pubertierender Schüler und stilistisch noch nicht ganz auf meiner Höhe.

Anyway. Voilà:

Autobahnauffahrt Heidelberg-Süd. Zweiundzwanzig Uhr. Ein junger Mann vielleicht Mitte Zwanzig steht mit einem kleinen Rucksack in der Hand unter einer Laterne. Das gelbe Licht lässt sein Gesicht sehr geheimnisvoll erscheinen.

Ab und zu fahren Autos an ihm vorbei, doch keines macht Anstalten ihn mitzunehmen. Endlich aber hielt ein Wagen an. Der junge Mann läuft ihm hinterher und beugt sich an die Beifahrerscheibe. Der Fahrer öffnet das Fenster:

FAHRER: Wo darf’s denn hingehen?

ANHALTER: Ich möchte nach Karlsruhe. Wenn sie mich ein Stück in diese Richtung mitnehmen könnten, das wäre sehr nett.

FAHRER: Aber ja doch, steigen sie ein.

Der Anhalter steigt ein. Nun sind die zwei Personen alleine im Auto. 

FAHRER: Da haben sie ja noch mal Glück gehabt, es fängt gerade an zu regnen – aber, sagen sie mal, kennen wir uns nicht? Mir ist es, als habe ich ihr Gesicht schon einmal gesehen. 

ANHALTER: Na so ein Zufall aber auch. Sie sind doch Professor Koin aus Stuttgart. Ich komme gerade aus ihrer Vorlesung, und heute Abend saß ich in der ersten Reihe, vielleicht daher? 

PROF KOIN: Ja, das mag sein. Aber das ist wirklich ein Zufall, denn normalerweise nehme ich keine Anhalter mit.

Mittlerweile regnet es sehr stark. Die Scheibenwischer tun nur noch unzufriedenstellend ihren Dienst. Doch im Auto ist es warm und trocken. Während das Fahrzeug durch das nasse Schwarz saust, trommelt der Regen leise und monoton gegen die Scheibe. Erst die Frage des Professors unterbricht das Schweigen.

PROF KOIN: Haben sie etwas dagegen, wenn .ich das Radio anmache?

ANHALTER: Nein, nein, im Gegenteil. Aber… selbst wenn ich aber etwas dagegen hätte, so könnte ich es ihnen ja nicht erzählen.

PROF KOIN: Das ist ja eine interessante Antwort – oder nein, eigentlich …. ja, genau genommen ist es überhaupt keine Antwort. Wie soll ich denn nun wissen, ob sie etwas dagegen haben oder nicht? Aber wenigstens haben sie ehrlich geantwortet. Ha, schon wieder so was: es war also ehrlich von ihnen, zuzugeben, dass sie nicht ehrlich sein können. Klingt doch paradox, nicht? Aber lassen wir das, schauen sie lieber einmal vor sich in der grauen Schachtel nach, dort sind die Kassetten.

Der Anhalter öffnet die Schachtel und liest laut vor:

ANHALTER: Ja, was haben wir denn da: Das ist Telemann, Bach… Vivaldi, noch mal Bach, Pagi… äh, nein, Paganini, … Corelli, Manfredini… schon wieder Bach, und noch mal.

PROF KOIN: Suchen sie sich etwas raus, nur bitte nicht Paganini, das lenkt zu sehr vom Fahren ab.

ANHALTER: Hier ist eine Kassette ohne Beschriftung. Wie wäre es damit? Ich lasse mich überraschen.

PROF KOIN: Nun gut, wenn sie meinen. Geben sie die Kassette her, ich lege sie ein…

Der Professor nimmt die Kassette, schaltet das Autoradio an und legt die Kassette ein.

PROF KOIN: Wissen sie, das ist jetzt auch für mich eine Überraschung. Ich kann mich nämlich nicht mehr daran erinnern, was auf dieser Kassette drauf ist.

Beide schweigen und nach kurzer Zeit ertönt eine einfache Melodie aus den Lautsprechern, von einer einzelnen Geige vorgetragen. Anschließend spielt die Geige noch eine zweite Melodie und danach spielen zwei Geigen gleichzeitig zwei verschiedene Melodien. Als auch diese Melodie vorüber ist, schaltet der Professor das Radio wieder aus. 

PROF KOIN: Wissen sie, was das gerade eben für ein Stück war?

ANHALTER: Äh… also… eigentlich nein. Aber es klang so… wie ein Experiment mit Tonen… irgend- wie aber auch sehr melodiös. Ist es vielleicht etwas von Johann Sebastian Bach?

PROF. KOIN: Gar nicht so schlecht, es ist tatsächlich von Bach. Es war der berühmte Krebskanon, einem Stück aus dem Musikalischen Opfer.

ANHALTER: Krebskanon… Musikalisches Opfer.. warum nicht Bahnhof? Was ist denn in Herrgottsnamen ein Krebskanon?

PROF KOIN: Oh, ja… wissen sie, Krebs, so nennt man in der Musik ein… äh… gewissermaßen ein zeitliches Spiegelbild eines Themas. Also, wenn die Noten eines Themas einfach von hinten nach vor- ne gespielt werden, dann nennt man diesen Teil den Krebs. Aber woher der Name kommt, das kann ich ihnen leider auch nicht sagen. Vielleicht hat es et- was mit der Gangart des Krebses zu tun… ja, das wird wohl so sein. Aber passen sie auf, ich spule noch mal zurück.

Er drückt eine Taste seines Autoradios.

Dann versuchen sie mal genau zuzuhören. Das ganze Stück besteht aus drei Teilen, das ist ihnen vielleicht schon aufgefallen.

Der Anhalter nickt dem Professor zu. Zuerst versuchen sie sich das Thema -also die Melodie des ersten Teiles zu merken. Achten sie dabei besonders auf den Schluss. Danach wenn der zweite Teil beginnt, dann hören sie gut zu vielleicht fällt ihnen etwas dabei auf.

Der Professor spielt das Stück noch einmal vor. Nach dem zweiten Teil stoppt er die Kassette und fragt den Anhalter:

PROF KOIN: Nun, was ist ihnen aufgefallen.

ANHALTER: Äh… aufgefallen… also… zuerst hat eine Geige dieses Thema gespielt, und dann…. dann hat diese Geige….

Der Professor unterbricht ihn. 

PROF KOIN: Es war nicht dieselbe Geige es war eine andere, aber weiter… 

ANHALTER: Ja, dann hat diese… zweite Geige eben eine andere Melodie… also ein anderes Thema gespielt. Sonst ist mir eigentlich nichts besonderes aufgefallen. Nur vielleicht, dass diese zwei Themen etwa gleich lange gedauert haben, und… irgendwie…also sehr verschieden waren sie nicht… Ja, sie haben sich eben etwas geähnelt.

PROF KOIN: Ja, ja, das mag ja sein, es ist auch sehr richtig, aber etwas ganz entscheidendes haben sie nicht bemerkt.. äh – langweilt sie diese Raterei vielleicht? Ich meine, dann…

Der Anhalter schüttelt energisch den Kopf. Als er Jedoch etwas sagen will, da winkt der Professor sogleich ab, als ob er es erwartet hat, und fiihrt fort:

PROF KOIN: Also gut, dann hören sie noch mal gut zu.

Er spricht betont langsam und deutlich

Jetzt spiele ich ihnen nur das Ende des ersten Teils und den Anfang des zweiten Teils vor. Passen sie diesmal genau auf, und denken sie doch daran das dieses Stück Krebskanon heißt.

Es erklingen die letzten Takte des ersten Teils. Nach einer kurzen Pause beginnt der zweite Teil. Danach schaltet der Professor aus. 

ANHALTER: Ja, ja…

Er überlegt, spricht dann aber doch weiter

…jetzt verstehe ich wohl. Es ist, als befände sich in der Pause zwischen den zwei ersten Teilen ein Spiegel und… ja genau, so ist es: das Ende des ersten Teils ist der Anfang des zweiten Teils; nur eben in umgekehrter Reihenfolge, stimmt’s?

PROF KOIN: Etwas erleichtert. Ja, jetzt haben sie’s. Es ist schon erstaunlich, was man mit Noten alles machen kann, nicht? Der zweite Teil entspricht genau dem ersten Teil, allerdings von hinten sozusagen. Nur, das zu erreichen ist ja nicht sehr schwer. jedes Stück kann man vorwärts und rückwärts spielen. Doch hier klingen beide Versionen noch schön dabei. Das ist die eigentliche Kunst.

Der Anhalter greift zum Autoradio, spult zurück und hört sich das Stück nochmals an. Als jedoch der dritte Teil beginnt, fragt er sich was es damit nun auf sich hat. Er lauscht ganz intensiv und hört sich den Anfang mehrmals an. Dann wendet er sich wieder dem Professor zu:

ANHALTER: So, und das Rätsel des dritten Teiles habe ich selber gelöst….er lacht und zögert etwas… 

hoffentlich. Hier spielen nun beide Geigen jeweils ein anders Thema. Allerdings gleichzeitig. Dabei spielt die eine Geige das Thema aus dem ersten Teil und die zweite Geige das Thema aus dem zweiten Teil. Und wieder hört es sich als Zugabe auch noch schön an. Ja aber… das heißt ja, das…. also gleichzeitig wird hier ein Thema vorwärts und rückwärts gespielt, und dann kommt auch noch was bei raus. Fantastisch! Ich wußte gar nicht, dass Musik so durchdacht sein kann.

PROF. KOIN: Ja, ja, da gibt es zwar noch viele andere knifflige Stücke, aber eine solche Umkehrung, das gibt es wohl nur einmal.

Der Anhalter wirkte abwesend. Er dachte wohl über irgend etwas nach und hörte dem Professor währenddessen gar nicht zu. Plötzlich scheint ihm eine Idee gekommen zu sein.

ANHALTER: Dann könnte man die Kassette beim dritten Teil ja eigentlich auch rückwärts laufen lassen, und es würde keinen Unterschied machen

Der Professor zögert erst, antwortet dann aber doch.

PROF. KOIN: Ja, das stimmt Die Musiker hätten auch die Noten rückwärts spielen können, und wir hätten den Unterschied nicht bemerken können.

Er lacht.

Wer weiß, vielleicht HABEN sie es ja auch rückwärts gespielt

Doch plötzlich redet er wieder mit ernster Stimmer weiter.

Aber. passen sie auf, genau genommen ist es falsch, was sie gerade sagten. Es ist nämlich nicht das gleiche, ob die Musiker die Noten rückwärts spielen oder ob die Aufnahme der Musiker rückwärts abgespielt wird. Stellen sie sich die erste gespielte Note dieses dritten Teiles vor Auf der Geige mag sie durch einen kurzen Ton gespielt werden, der zuerst laut anfängt und dann wieder langsam leiser wird.

Er zögert wieder, er scheint nach passenden Worten zu suchen, doch er fährt fort.

Ja, es könnte also jede gespielte Note eine solche Eigenschaft haben, dass sie laut anfängt und dann langsam leiser wird. Angenommen, die Musiker spielen nun die Noten in der umgekehrten Reihen- folge, so bleibt diese Eigenschaft der Noten er- halten. Wenn man aber das Tonband rückwärts spielt, dann wird nicht nur die Reihenfolge der Noten… ah… sozusagen zeitlich gespiegelt, sondern auch noch die Eigenschaft dieser einzelnen Noten.

Der Anhalter nickt verständnisvoll und fast sich grübelnd an sein Kinn.

ANHALTER: Ja, aber hatten sie nicht eben noch gesagt, die Eigenschaft eines Krebskanons sei, daaa er umgekehrt noch genauso klinge? Wieso denn dann plötzlich die Einschränkung, daaa ihn gewissermaßen nur die Musiker umkehren dürfen und nicht das Tonbandgerät?

Der Professor reibt ungeduldig am Lenkrad, das er auf der geraden Strecke kaum benutzen braucht.

PROF. KOlN: Tja, das ist allerdings eine gute Frage, aber passen sie auf… es ist, glaube ich, so… äh… ja, das, was ich eben sagte stimmt schon. Wenn etwas Krebs genannt werden kann, so kann man es zeitlich umkehren und man hat wieder das Original. Wenn dann das Original und seine Krebsversion gleichzeitig da sind, so lässt sich dies umkehren ohne dass ein Unterschied bemerkbar wäre. Der Fehler liegt aber nun darin, dass der Krebskanon von Bach gar nicht durch und durch den Charakter eines Krebses hat. Gewissermaßen hat er es nur auf dem Notenpapier, denn dort ist der dritte Teil tatsächlich so symmetrisch zu seiner Mitte, dass sein Vorne und Hinten identisch wer- den. Die kleinste Einheit auf dem Notenpapier sind nämlich die einzelnen Noten. Und auf dem Papier haben diese ebenfalls kein Vorne und Hinten, bzw. sie sind ebenfalls symmetrisch zu ihrer Mitte. So- bald sie aber gespielt werden, sind sie nicht mehr die kleinste Einheit, sondern jeder gespielte Note kann jetzt wiederum in einzelne Teile zerlegt wer- den – die Tonhöhe, die Lautstärke usw. Und die Anordnung dieser nun kleinsten Einheiten hat aber ihre Symmetrie zu ihrer Mitte verloren, verstehen sie?

Der Anhalter schüttelt ungläubig den Kopf, er hat den Professor nicht verstanden.

ANHALTER: Nö, eigentlich nicht..

PROF. KOIN: Nehmen wie ein anderes einfacheres Beispiel. Den Namen Otto zum Beispiel. Wenn er auf dem Papier niedergeschrieben ist, so sind die einzelnen Buchstaben die kleinste Einheit. Und sie sind in ihrer Reihenfolge zu ihrer Mitte symmetrisch. Sie entsprechen also hier dem dritten Teil des Musikalischen Opfers. Spricht man „Otto“ allerdings aus, so sind nun nicht mehr geschriebene Buchstaben die kleinste Einheit, sondern jeder Buchstabe wird wieder in weitere einzelne Stimm- laute zerlegt Da aber die einzelnen Stimmlaute von „0“ und von „t“ in ihrer Reihenfolge NICHT symmetrisch zu ihrer Mitte sind, klingt ein rückwärts gespieltes Tonband mit „Otto“ anders als ein vorwärts gespieltes.

„Otto“ ist also nur dann im Sinne des Krebskanons aus dem Musikalischen Opfers umkehrbar, wenn es als Wort niedergeschrieben ist

Genau genommen ist also der Krebskanon so, wie sie ihn gerade kennengelernt haben doch kein Krebskanon, weil er seine Symmetrie verloren hat Nur wenn sie ihn auf dem Notenpapier lesen, dann ist er ein Krebskanon.

Ein langsam fahrender Lastwagen vor ihnen verlangt die Aufmerksamkeit des Professors. Sie über- holen den Lastwagen, aber das Gespräch will nicht recht fortlaufen. Jeder von den beiden schaut entspannt nach vorne zum Fenster hinaus und scheint über das eben gesagte nachzudenken.

Plötzlich beginnt der Professor etwas zu lächeln und sagt dann: Aber sie wissen ja, dass ich nu- neinmal Mathematiker bin. In der Mathematik kann man zu dem eben gesagten auch eine Entprechung finden. Denken sie sich eine Funktion, und spiegeln sie diese Funktion an einer Senkrechten. Damit ist sie in unserem Sinne umgekehrt. Nur lässt sich in diesem Fall keine… äh… eben „tiefere“ Ebene finden, auf der man sie auch noch umkehren könnte. Also das was beim Musikalischen Opfer der Schritt vom Notenpapier zum Tonband war, das findet sich hier nicht mehr. Die- se Funktion lässt sich nicht in noch kleineren Einheiten zeitlich umkehren, sie ist…

Der Professor strahlt, als wäre ihm endlich alles klar geworden. Er schaut beim Sprechen immerzu zu seinem Beifahrer hinüber, er scheint sich gar nicht mehr nur den Verkehr zu interessieren 

…also diese Funktion, die ist auf der denkbar tiefsten Ebene umgekehrt. Einer Ebene nämlich, auf der es gar keine Einheiten mehr gibt. Hier ist keine Reihenfolge irgendwelcher Dinge wie Noten oder so was umgekehrt, nein, diese Funktion ist sozusagen kontinuierlich umgekehrt.

ANHALTER: Ja aber wo ist denn da der Unter- schied? Ist denn der Krebskanon von Bach nicht auch kontinuierlich umgekehrt?

PROF. KOIN: Nein, nein. Dann habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt.

Er stockt. Er scheint irgendetwas mit den Augen zu suchen. Plötzlich wendet er sich wieder seinem Beifahrer zu.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Denken Sie an ein Buch oder an eine Geschichte. Nehmen wie zum Beispiel einmal an, dass… ja, genau… nehmen wir an, unser – also genau dieser – Dialog würde aufgeschrieben. Wollten sie ihn dann rückwärts lesen, so könnten sie dies auf völlig verschiedene Weise tun.

Sie könnten das einzelne Gesagte rückwärts auflisten, also mit dem was ich jetzt sage anfangen, dann zu ihrer eben gestellten Frage kommen und dann meine Idee mit der Funktion lesen. Sie kehren also die Reihenfolge der Personen im Dialog um. Genauso gut könnte man aber auch die gesamte Re ihenfolge der einzelnen Sätze umkehren. Dies wäre dann schon eine Stufe tiefer, weil man alles von einer Person Gesagte weiter unterteilt in die einzelnen Sätze.

Man kann aber auch den gesamten Text rückwärts lesen, indem man die einzelnen… äh… liest… rückwärts… Worte.

Dabei schauen sie sich beide an und beginnen laut zu lachen. Das Lachen verstummt, aber ein Grinsen bleibt. Doch ganz plötzlich wird der Professor sehr ernst und sagt, ja eher noch, schreit:

PROF. KOIN: Um Himmels Willen!! Schauen sie doch einmal raus, wir sind ja schon lange an Karlsruhe vorbei!!

Dann bemerkt er, wie erregt er ist und fasst bewusst neue Ruhe.

Hier kommt ja schon die Ausfahrt Pforzheim. Passen sie auf, das war meine Schuld. Jetzt fahre ich ab, wir wenden, fahren zurück, und dann wer- de ich sie wie versprochen in Karlsruhe absetzen. Versuchen sie erst gar nicht zu widersprechen. Das wird jetzt so gemacht, basta.

Dann stockt er, beginnt zu lachen, schaut wieder nach vorne und meint heftig im Spaß:

Sie sind aber auch blöd, mindestens genauso blöd wie ich. Jetzt aber schnell zurück zu unserem Gespräch, sonst verliere ich noch den Faden. Nun haben wir ja wieder etwas Zeit.

Was ich sagen wollte war, dass man einen solchen Dialog ganz unterschiedlich umkehren kann. Man kann die einzelnen Elemente – deren Reihenfolge man umkehrt – fast willkürlich wählen. Nimmt man die Personen, die einzelnen Sätze, die Wörter, die Silben oder die Buchstaben, immer braucht man nur deren Reihenfolge umzukehren, und schon hat man den Dialog umgekehrt. Also eine ziemlich vieldeutige Sache, eine solche Umkehrung.

ANHALTER: Ja, es reicht also nicht, zu sagen, lies den Dialog rückwärts. Man muss auch noch angeben, auf welcher Ebene man ihn umkehren soll.

PROF. KOIN: Hmmm, jaa…. ich überlege nur gerade… Eigentlich kommt einem diese Schwierigkeit

doch bei einer Funktion nicht, oder? Da kann man sich ja keine beliebige kleinsten Elemente Einheit als umzukehrende Einheiten aussuchen. Bei der Funktion ist man immer schon an der tiefsten Ebene angelangt, man kehrt sie immer „ganz unten“ um. Da kann man nichts falsch machen.

ANHALTER: Dann hat eine Funktion also keine höheren Elemente aus denen sie sich zusammensetzt Aber vielleicht..

Er stockt, fasst sich mit der flachen Hand an sei ne Stirn, führt dann aber fort

…vielleicht gibt es aber bei einem Dialog eine tiefste, eine kontinuierliche Ebene. Wenn man sie kennen würde, so hätte man doch auch eine eindeutige Umkehrung des Dialoges, oder?

PROF. KOIN: Schon möglich, aber allemal wäre sie wohl weit von dem entfernt was man spontan als Umkehrung eines Dialoges bezeichnet Aber die Idee scheint interessant zu sein. Man muss nach einer kontinuierlichen Aufzeichnung eines Dialoges suchen. Es dürften keine diskreten Werte mehr vorhanden sein. Es muss „fließen“, hätte Heraklit jetzt vielleicht gesagt.

ANHALTER: Lassen sie uns doch einfach zu immer tieferen Ebenen gehen, vielleicht wird’s dann einmal kontinuierlich. Was war denn unsere tiefste Ebene… die Silben – nein, die Buchstaben. Wie kann man sie denn weiter unterteilen…

PROF. KOIN: Die Aussprache, das ist es. Man müsste irgendwie die Aussprache notieren, und zwar so, dass man verschiedene Parameter einführt. Diese Parameter können dann kontinuierlich mit der Zeit verschiedene Werte annehmen. Damit hätten wir eine oder mehrere Funktionen, und die könnte man kontinuierlich umkehren.

ANHALTER: Ja, ja, aber wie soll denn das gehen, einen Buchstaben in einzelne Parameter zu unter- teilen?

PROF. KOIN: Nicht den Buchstaben, das wäre wohl falsch. Es werden ja nicht alle gleichen Buchstaben gleich ausgesprochen. Lesen sie den Dialog einmal laut vor, dann…

Der Anhalter unterbricht ihn schmunzelnd: 

ANHALTER: Das TUN wir ja die ganze Zeit, wir sprechen ja „unseren“ Dialog…

PROF. KOIN: Er lacht. Jaja, das stimmt natürlich. Also versuchen sie einfach unser Gesprochenes physikalisch zu notieren. Unterteilen sie es meinet- wegen in Lautstärke, in Frequenz und in… ach ich weiß nicht, vielleicht reicht das ja auch schon. Ist ja auch egal, sie sehen aber ein, dass sich das irgend- wie machen ließe.

Dann haben sie also zwei oder mehrere Funktionen irgendwelcher Parameter nach der Zeit Damit können sie sie zeitlich spiegeln, und wir haben unseren Dialog kontinuierlich umgekehrt.

Er mach eine kurze Pause, fährt dann aber fort:

Zu gerne wüsste ich, wie sich das wohl anhört.

ANHALTER: Ja, das wäre einmal interessant. Aber wie ist das denn bei dem Krebskanon. Ihn könnte man dann ja akustisch ebenso kontinuierlich um- kehren. Machen es die Musiker dann also alle falsch? Wie würde es sich wohl anhören, ein Thema gleichzeitig normal und kontinuierlich umgekehrt zu hören, und vor allem, was würde Johann Sebastian Bach wohl dazu sagen?

Jetzt mussten sie beide wieder laut lachen. Langsam nähern sie sich auch der Autobahnausfahrt Karlsruhe wieder,  diesmal allerdings von der anderen Seite. Während der Professor nun nicht wieder vergisst abzufahren, sagt der Anhalter: 

ANHALTER: Ist ein rückwärts gespieltes Tonband eigentlich nicht eine solche kontinuierliche Umkehrung?

Sie haben die Autobahn verlassen. Der Professor hält am Straßenrand an. 

PROF. KOIN: Das könnte sein, ist aber egal, denn wir sind jetzt da.

Also, denken sie weiter darüber nach. Wenn sie eine gute Idee haben, dann schreiben sie mir, meine Adresse können sie ja irgendwie ausfindig machen.

ANHALTER: Ja, gerne. Ich werde wohl gar nicht anders können als weiter darüber nachzudenken. Und hier…

Er kramt in seinem Rucksack herum, zieht ein kleines Stück Papier heraus und reicht es dem Professor.

… hier haben sie meine Adresse. Wenn in Stuttgart irgendwann einmal eine Aufführung des Musikalischen Opfers stattfindet, dann schreiben sie mir, ich komme.

PROF. KOIN: Aber selbstverständlich, das wird gemacht. Also dann, gute Nacht.

ANHALTER: Ebenfalls, ebenfalls, und eine gute Fahrt!

PROF. KOIN: Ob, ganz meinerseits, auf Wiedersehen!

Sprach’s und verschwand mit aufheulendem Motor in der endlosen Lichterkette in Richtung Stuttgart.

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

2 comments

  1. Hallo Peter,
    Wenn GEB richtig in Erinnerung habe, hast du die Tonalität sehr gut getroffen. Respekt!

    :-) Carsten

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