Wir brauchen die Abwrackprämie für Tourist-Infos!

Vor ein paar Tagen machte ich mich in diesem Artikel über die Sinnlosigkeit einer (mehr politischen als touristischen) Aktion in Konstanz lustig, bei der Oberbürgermeister und Landrat von Konstanz einen sogenannten GPS-Referenzpunkt einweihten. Bis heute konnte mir niemand erklären, was der Sinn dieser Sache sein soll, und die lokalen Medien (bp = beyond paywall) haben das Thema eifrig aufgegriffen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmern in meiner Kleinstadt habe ich dort keine Kunden, und seitens der Medien freut man sich deshalb darüber, dass mir Sympathien von Oberbürgermeister und Landrat weniger wichtig sind als mein Fingerzeig auf die Resultate derer Arbeit.

Gefallsucht und Einwohnerzahl stehen nämlich im umgekehrt proportionalen Verhältnis.

Der Südkurier schlug in seinem Bericht jedenfalls den überraschenden Bogen vom schwachsinnigen GPS-Referenzpunkt hin zur wahrheitsgemäßen Aussage, dass es für kleine Tourist-Infos längst keine Existenzberechtigung mehr gibt.

Jeder Profi im Tourismus weiß natürlich, dass das stimmt, und ich habe auch noch nie eine kompetente Gegenmeinung in dieser Sache gehört.

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Aber die Organisationen im lokalen Tourismus sind sehr träge, und es dauert, bis alte Strukturen an den Bedarf der Wirklichkeit angepasst werden. Darum gibt es noch immer kleine Tourist-Infos, auch wenn die touristische Gegenwart längst ganz woanders angekommen ist. Because no politician ever got fired for buying IBM, even years later.

Doch längst weiß das Web jede Frage besser zu beantworten als die meisten Touristiker vor Ort, die seit 20 Jahren vormittags hinterm Schalter stehen und nachmittags eifrig Prospekte zu den potentiellen Besuchern ihres Dorfes nach Hause schicken, in denen dann wiederum die Webseiten aufgelistet stehen, auf denen der Gast die gewünschte Information finden kann.

Oder auch nicht, denn längst findet zum Beispiel Google die Telefonnummer eines jeden Hotels schneller als ich direkt auf deren Webseite.

Also per Post verschickte Listen lokaler Webseiten als Kernkompetenz der lokalen Tourist-Info.

Ist ungefähr zuletzt sinnvoll gewesen, bevor es Google gab. Also im letzten Jahrtausend.

Ja, und dann gibt es im Zeitalter der effizienten Eins-zu-Viele-Kommunikation (man nennt sie auch: Web) noch die gute alte Tradition der Tourismus-Informanten, sich einmal im Jahr auf der nächsten Tourismus-Messe zu treffen, sich abends immer so schön miteinander zu betrinken wie in all den Jahren zuvor, am Ende der Messe Hunderte Kilo Prospekte in den Container zu kippen und zuhause dem Bürgermeister zu erklären, wie viele man doch wieder verteilt habe.

Erfolgsmessung durch Papierverteilung.

An wen eigentlich? Ach ja, das sind doch diese papiergeilen Rentner mit ihren Schleppwagen, die jedes Prospekt auf der Messe abgreifen, das sie finden können. Messe-Profis können ein Lied davon singen. Nur in die Region reisen tun diese Altpapiersammler leider nie, was aber auch egal ist, weil diese gesamte Methode – im Gegensatz zur Arbeit im Web – vor allem eines nicht kann: ihren eigenen Erfolg messen.

Darum gehen all jene, die Messe-Kosten und Messe-Nutzen in ein Verhältnis setzen und das mit einer Web-Arbeit vergleichen, seit Jahren nicht mehr auf Messen.

Länder, in denen Tourismus professioneller betrieben wird als in Deutschland – Hey Österreich und Schweiz, euch meine ich! – haben längst die fraktalen Sub-Strukturen im Tourismus abgeschafft und in zentrale und weitgehend nationale Strukturen überführt. Und damit im Wesentlichen die kleinen Tourist-Infos abgeschafft. Wie richtig das ist!

Plötzlich lässt sich nicht nur Erfolg messen, sondern vor allem auch Misserfolg. Und damit abschaffen.

Doch weil kleine Tourist-Infos und ihre Mitarbeiter auch nur Menschen sind, werden sie das niemals von sich aus zugeben – geschweige denn zulassen.

Es braucht also in Deutschland eine Abwrackprämie für kleine Tourist-Infos.

Doch um es nicht dazu kommen zu lassen, veröffentlichte der VTBW noch am selben Tag eine Stellungnahme zum Thema, in der er erklärt, wie wichtig die kleinen Tourist-Infos sind, weil das Web so dumm ist und Google so böse.

Echt jetzt, das stand sinngemäß da drin.

Doch statt inhaltlich auf diese Meinung einzugehen, erzähle ich lieber, was VTBW eigentlich bedeutet. Ich kann es mir nämlich nie merken. Und weil Dr. Google es mir auf Anhieb nicht verrät (was eine Aussage über die SEO-Kompetenz und Bedeutung des VTBW ist), habe ich auf dem Briefkopf der Stellungnahme nachgeschaut.

Es ist der Verband der Tourismuswirtschaft Bodensee.

Und den wollte ich eben verlinken. Doch jetzt ratet mal, wie man die URL dieser Freunde der händischen touristischen Kommunikation überhaupt finden kann?

Zumindest nicht in deren eigenem Brief. Da steht nämlich keine Webseite drauf. Genauso wenig übrigens wie die genannte Stellungnahme auf der Webseite steht.

Setzen, sechs!

Und nun ratet, wer mal wieder die Antwort auf diese touristische Frage kennt, wenn einem die lokalen Player nicht weiterhelfen?

Richtig, hier ist sie.

Quod erat demonstrandum.

Und jetzt schnell weg mit den kleinen Tourist-Infos!


Update 13.8.2013
Der obige Artikel war mit heißer Feder geschrieben, das gefiel mir kurz darauf nicht mehr. Ich habe ihm dann einige Formulierungsspitzen genommen. Gefiel mir aber noch immer nicht. Darum wollte ich ihn gestern nochmal neu schreiben, um das Thema noch besser zu begründen. Hatte ihn daher gestern erstmal offline genommen, und dann heute morgen entdeckt, dass er im Südkurier zitiert wird.

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Darum ist er nun wieder online.

 

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

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