Die Grenzen der Zuversicht

Die Fahrt mit einem Mietwagen macht mir dann am meisten Spaß, wenn ich dabei ein tolles Auto testen kann, das ich vorher noch nicht kannte.

Darum wollte ich für die Fahrt nach Salzburg einen Audi A6 TDI 3.0 Biturbo. Das ist dieser Diesel mit dem ganz vielen Wumm drin.

biturbo

Wollte ihn mal probefahren und herausfinden, wie gut er mir gefällt. Denn ich hatte kürzlich seinen kleinen Bruder und war schon von ihm beeindruckt.

Ich bat also einen Mitarbeiter genau dieses Auto für mich als Mietwagen zu organisieren.

Als ich am späten Nachmittag das Auto bei Europcar entgegen nehmen wollte, sah ich die Rakete schon auf dem Hof stehen und freute mich auf die gleich beginnende Fahrt. Doch als ich in die Papiere schaute, fiel mir auf, dass es „nur“ der kleine Bruder von der Wumm-Maschine war. Also genau das Auto, dass ich schon kannte.

Ich klärte den Fehler auf, aber es gab trotzdem keinen großen Bruder. Auf mein Beharren, dass ich genau jenes Auto haben wolle, das wir bestellt hätten, meinte Mr. Europcar, es sei nur zugesichert worden, dass wir „voraussichtlich“ den großen Bruder bekommen würden, nicht aber „sicher“.

Die alte Falle beim Delegieren also. Ich bestelle 100%, ein Mitarbeiter organisiert 80% und hofft, dass es gutgeht. Klappt oft, aber eben nicht immer.

Und schon gar nicht dieses Mal.

Das sind diese Momente, in denen ich verdammt ehrgeizig werden kann. Aufgeben ist keine Option!

Ich erklärte Mr. Europcar, dass ich kein anderes Auto wolle, doch er zuckte mit den Schultern und meinte: Biturbo ist keine Option!

Es lief auf Er-oder-ich hinaus.

Also ich!

Schritt 1: Der 80%-Mitarbeiter solle sofort alle anderen Vermieter abtelefonieren, ob sie den Wumm-Audi hätten. Resultat: nicht mal ein Opel Corsa war in der ganzen Stadt für diesen Tag noch zu bekommen, und ich könne froh über den kleinen Bruder sein.

Schritt 2: Ich hatte zwar keine Idee, wie ich heute noch an meinen Wumm-Audi kommen könne, aber ich würde es dennoch versuchen. Irgendwo da draußen war eine Lösung, und sie möge bitte zu mir kommen. Ich musste ihr also nur etwas Zeit geben und mit meiner Zuversicht Platz für sie schaffen. Und dabei ganz entspannt bleiben.

Konkret bedeutete es, ich schaute Mr. Europcar tief und freundlich in seine Augen und blieb so lange beharrlich stehen, bis ihm etwas einfallen würde.

Weil… ich… habe… Zeit…!

Und stellte mir dabei vor, wie die Lösung schon um die Ecke war und immer näher auf uns zukam.

Sein Nein überhörte ich konsequent, mein zuversichtlich fordernder Blick wich nicht von ihm, und die Leute hinter mir existierten nicht mehr in meiner Welt.

Und plötzlich fragte er mich: würden Sie auch einen kleinen Umweg fahren? Dann könne er bei einer anderen Vermietung anrufen und fragen, ob die vielleicht… Ja, machen Sie das!… Und, nein, leider haben die auch keinen Wumm-Audi mehr heute.

Schade!

Aber immerhin. Durch mein vermeintlich grundloses Warten hatte sich also eine Chance ergeben, die zwar nicht ins Ziel führte – aber hey, es war schon eine Chance mehr als gedacht.

Würde ich also einfach weiter beharrlich auf das Eintreffen der Lösung warten, dann würde sie schon kommen. Vielleicht ja schon bei der nächsten Idee.

Und diesmal kam sie von mir: telefonieren Sie doch bitte alle Filialen ab, die auf meinem Weg liegen und vor Ladenschluss erreichbar sind! Vielleicht gibt es dort einen Wumm-Audi.

Coole Idee von mir, war richtig stolz, aber ein paar Minuten später war klar: kein Wumm-Audi entlang der Strecke.

Verdammt! Aufgeben war doch keine Option!

Fast wurde ich ungeduldig und verlor meine Zuversicht. Und der Blick von Mr. Europcar zielte schon konsequent an meinem Gesicht vorbei. Er wollte mich endlich loswerden.

Aber hey, jetzt bloß kein schlechtes Gewissen zulassen! Wir haben ständig etliche seiner Autos auf dem Hof stehen, und genau jetzt war der Moment, an dem er sich diesen Umsatz wirklich verdienen konnte.

Dachte ich. Im Gegensatz zu ihm…

Dennoch, nach ein paar tiefen Atemzügen bei entspannter Körperhaltung kam mir eine neue Idee: Haben Sie nur nach den Autos gefragt, die fix und fertig auf dem Hof stehen, oder auch nach jenen, die in diesem Moment erst zurückgegeben werden? Ich meine, mir ist es egal, ob die Karre geputzt ist. Ich nehme sie auch mit noch warmem Sitz!

Sein Gesicht wurde unentspannt, und ich sah, dass er gleich widerwillig die Telefonrunde erneut telefonieren würde.

Und schwupp, wir fanden eine Filiale, an der just in diesem Moment ein Wumm-Audi zurückgegeben wurde.

Heureka!

Ich strahlte. Meine Brust schwoll an. Ich war stolz auf meine Beharrlichkeit. Und ich fühlte mich unbesiegbar.

Also, Sie fahren diesen kleinen Umweg, geben dort den kleinen Bruder bis 20 Uhr ab und steigen in den großen Bruder ein, und jetzt gute Fahrt!

Ha, genau so sollte es sein. Genau das ist der Unterschied zwischen 80 und 100%. Ich spürte Genugtuung über alles, was ich je erreicht hatte und wusste: das ist verdient!

Und weil noch etwas Zeit war, fuhr ich heim, duschte, und fuhr dann zu dieser Filiale. Kam dort kurz vor Ladenschluss an, sah den großen Bruder bereits hinterm Zaun auf mich warten und wunderte mich insgeheim ein klein wenig darüber, warum das Tor eigentlich verschlossen war.

Als ich ausstieg und ins Büro wollte, stand dort ein Spaziergänger mit einem kleinen Hund. Die haben schon seit einer dreiviertel Stunde zu, sagte er.

Mir fiel mein Magen in die Knie. Was? Geschlossen? Im Sinne von Aufgeben?

Das Universum stellte mich also auf eine Probe.

Reflex 1: Blaue Kulleraugen machen und dem Spaziergänger ein Gesicht voller ehrlicher Enttäuschung und Verzweiflung zeigen.

Reflex 2: Nachdenken und heimlich entspannen!

Dann kam mir die Idee. Warum weiß ein Spaziergänge so genau, seit wie viel Minuten die Vermietung geschlossen hat? Und überhaupt, wer geht denn hier mit seinem Hund spazieren?

Ich setzte also alles auf eine Karte und sagte: Sie schickt der Himmel, ich bin ja so froh, Sie getroffen zu haben. Darum fahre ich jetzt zur Tankstelle, kaufe so viel von Ihrer Lieblingsschokolade, wie Sie wollen, und in der Zwischenzeit bereiten Sie die Papiere vor. Bis gleich!

Er zuckte mit den Schultern und zog den Schlüssel aus der Tasche.

Ha! Da war es wieder, das Gefühl von Unbesiegbarkeit. Mit doppelter Größe zurück.

Noch nie hatte ich so viel Schokolade in einer Tankstelle gekauft, und ein paar Minuten später wechselte ich vom kleinen in den großen Bruder und mein Ritt auf der Rakete begann.

Zuerst auf einem kleinen Nebenweg, dann auf einer größeren Straße und endlich konnte ich richtig Gas geben und die 650 Newtonmeter Drehmoment in der Rückenlehne spüren.

Oder warte…?

War das wirklich so viel anders als beim kleinen Bruder gerade eben? Wenn ich ehrlich war, konnte ich spontan gar keinen Unterschied feststellen. Und mit jeder Beschleunigung wuchs mein Zweifel.

Ich fuhr also rechts ran und kramte die Papiere raus.

Und siehe da: der neue Audi war unter der Haube genau der gleiche kleine Bruder wie zuvor.

Ich musste mich tatsächlich kurz sammeln. Meine Gefühle neu sortieren. Innerlich aufgeben. Meine Besiegbarkeit akzeptieren. Und vor allem der neuen Situation ganz schnell etwas Gutes abgewinnen. Reframing heißt das im Fachsprech.

Also: ich wollte eh diesen Podcast hören. Und darum entspannt mit Tempomat fahren. Und ich hatte ein großartiges Rhetorik-Training erhalten. Kostenfrei. Und eines in Reframing dazu.

Und vor allem hatte ich in dieser Minute den Entschluss gefasst: morgen kaufe ich mir diesen verdammten Wumm-Audi einfach ohne Probefahrt.

Und ich sage euch: er fährt sich fantastisch!

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

One comment

  1. Volltreffer mit „Wumm“. Danke für diese Geschichte, Peter.

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