Entspannt riecht man besser

Weil ich viel reise, habe ich natürlich auch ein paar Lieblingsklamotten. Ohne sie bin ich nie unterwegs.

Ganz oben ist das mein Lieblingshoody mit der extra großen Kapuze, unter der ich mich so gut vor Zugluft verstecken kann. Und ganz unten sind das meine Lieblingsschuhe, die guten alten Nike Free Run 2 in Schwarz.

Sie habe ich schon zig Mal durch Waschmaschine und Trockner gejagt, und stets kommen wie wieder wie neu heraus. Oder sagen wir: immer wieder sauber, und jedes Mal ein wenig heller.

nike

Aber egal, denn das Waschen ist wirklich wichtig, neigen diese Schuhe doch trotz ihrer Luftigkeit dazu ihrem Träger langfristig einen ihm nicht geneigten Geruch anzudichten – und Woche um Woche zu verstärken.

So ähnlich war es auch, als ich kürzlich von einer Schweden-Reise zurück kam, während derer ich eine Woche lang bei Sonne und Regen in diesen Schuhen auf dem Rad unterwegs war.

Eigentlich war das eine kurze und zivilisierte Tour, doch als ich spät abends im sauberen Schweizer Zug saß und meine Füße ohne Schuhe auf den sauberen Sitz gegenüber hob um gemütlich einzuschlafen, vernahm ich nach ein paar Minuten einen leichten Geruch von vorne.

Ach, das merkt ja keiner – dachte ich. Zumal ja niemand direkt neben mir saß.

Doch in den folgenden Minuten wurde der Geruch mit jedem Atemzug strenger.

Mensch, dass ich so stinken kann – wunderte ich mich. Gestern war da doch noch nichts. Von Null auf über Hundert an nur einem Tag. Seltsam…

Doch als mein verschämter Blick auf die andere Seite des Zuges glitt und ich in den Gesichtern der dort Sitzenden lesen konnte, dass nun auch sie etwas rochen, da wurde es mir langsam peinlich.

Zielstrebig und dennoch ohne sichtbares Schuldeingeständnis in der Bewegung zog ich so beiläufig wie möglich meine Schuhe wieder an und erwartete, dass die überraschend schlechte Luft dann doch zügig wieder besser wurde.

Es verging Minute um Minute, doch der Geruch blieb einfach stehen.

Und die Liebe zu meinen Lieblingsschuhen bekam einen immer länger werdenden Riss.

Ich wünschte mir ein wenig mehr Zug im Zug, damit meine Spuren verwischt würden. Schließlich haben Menschen zwei Nasenlöcher, damit sie räumlich riechen und jedem Geruch eine Richtung geben können.

Also nicht nur eine, sondern genau meine.

Durch ganz unauffälliges Bewegen der Arme wollte ich die Luft in Bewegung bringen. Erfolglos.

Dann hole ich mir eines dieser Schweizer Schmierblätter, die immer im Zug rumliegen. Aufgeklappt bringen es diese Zeitungen auf fast einen halben Quadratmeter Wedelfläche.

Doch egal wie sehr ich mich anstrengte um ausladend umzublättern, der Geruch blieb um mich und wurde eher mehr als weniger.

Ich begriff das nicht. So hatte ich mich noch nie gerochen. Und so begann ich von Atemzug zu Atemzug meine Plastikschuhe immer mehr zu verfluchen.

Auch die Leute gegenüber wurden sichtlich unruhig, und mein Pein stieg mit dem Geruch um die Wette.

Erst als der Geruch ein echter beißender Gestank war und ich selbst nur noch flach atmete, begann ich aus meiner Verkrampfung heraus meine Aufmerksamkeit ein wenig zu weiten.

Das ist eh immer gut, denn nur ohne innere Verkrampfung kann Neues entstehen. Auch bei Erkenntnis.

Und so hörte ich plötzlich, wie eine Horde betrunkener Soldaten etliche Sitzgruppen weiter vorne auf einen ihrer Kollegen einredeten. Er möge doch endlich seine „verschissenen Stiefel“ wieder anziehen, weil sie sonst die Notbremse ziehen und ihn mitsamt einen Schuhen aus dem Zug werfen würden.

Da entspannten meine Schultern, ich zog meine Nike wieder aus, und mit einem schuldbewussten Blick schaute ich meinen Lieblingsschuhen in die Augen und bat sie um Verzeihung.

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

One comment

Kommentar verfassen