Gutmenschen am Bodensee

Zwar durfte und wollte ich mich nie einen Öko nennen, doch allein meine soziografischen Prägungen machten mich mit seinem Lebensgefühl tief in mir durchaus vertraut. Mülltrennen ist gut. Autofahren ist böse und so weiter. Vieles davon ist emotional weitgehend überwunden (auch wenn mein Müll noch immer in getrennten Tonnen zur selben Deponie gebracht wird). Doch das typische Grundgefühl kommt gelegentlich zurück. Zum Beispiel wenn ich die Wohung verlasse, obwohl noch irgendwo das Licht brennt, so fühle ich mich schlecht – mea culpa, und zwar für alle fernen Übel der Welt.

Oder wenn ich während des Rasierens das Wasser laufen lasse, so muss ich das ganz bewusst gegen meinen inneren Widerstand tun.

Das wäre ja auch angemessen, wenn ich mich in der Sierra Nevada wohnte. Aber hey, gleich neben meinem Badzimmer fließen pro Sekunde 750 Kubikmeter Wasser aus dem Bodensee in den Rhein. Pro Sekunde! Und im See befinden sich 50.000.000.000 weitere Kubikmeter Wasser, die ständig aus den Alpen und ein paar anderen Zuflüssen nachgefüllt werden. Unser Seespiegel hat kein Potenzproblem. Auch ein Grundwasserproblem gibt es bei uns nicht, bzw. schon, aber nur anders herum als üblich, vor allem beim Bau von Tiefgaragen.

Die Trinkwasserwerke am See versorgen etwa 5 Mio Menschen und entnehmen pro Sekunde knapp 6 Kubikmeter, also eingentlich gar nichts.

Und was passiert mit dem Wasser, das während meiner Rasur aus dem Hahn läuft? Es wird vom konstanzer Wasserwerk am Hörnle dem See entnommen und fließt bei Gottlieben geklärt zurück in den Seerhein. So what…?

Ich habe mich als aufgeklärter Mensch daran gewöhnt, dass wir am Bodensee schlicht kein Wasser sparen müssen. Und immer, wenn ich jemanden zu Besuch habe, lasse ich zufällig den Hahn munter sprudeln, während ich mich zu meinem Besuch wende und ihn scheinbar konzentriert in ein Gespräch vermittle. Das mache ich so lange, bis ich den Hinweis bekomme, doch den Hahn zuzudrehen um kein Wasser zu verschwenden.

Und dann hat meine Stunde geschlagen, bzw. die meines Besuchs. Rekonditionierungsprogramm volle Kraft voraus! Jedoch… sind meine Anstrengungen meistens durch eine sehr tief sitzende emotionale Blockade seitens des Patienten hoffnungslos zum Scheitern verurteilt. Peter (David) gegen das deutsche Gutmensch-Gefühl (Goliath).

Vor ein paar Tagen konnte ich mich endlich in einem Gespäch mit dem Geschäftsführer der hiesigen Stadtwerke des theoretischen Unterbaus meiner These rückversichern. Und siehe da – ich hatte und habe Recht.

Also passt bloß auf, wenn ihr zu mir zu Besuch kommt!

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

2 comments

  1. Bravo! Oh Piterman, waren das noch Zeiten, als In Konstanz lauter bunte DIN A4-Zettel hübsch sorgsam verpackt in nicht abbaubaren PET-Folien von Fahrradkörben herab die Vierrädler das Fürchten lehrten… Viel Wasser – nein sehr viel Wasser ist seither vom Bodensee in den Rhein geflossen – und vieles hat sich seither verändert. Nur ich bin von aller Metamorphose verschont geblieben und immer noch und immer wieder der große, überzeugte Verschwender geblieben…

  2. Klaro, auch ich habe eine dunkelgrüne Vergangenheit: Über 200 Räder fuhren in Konstanz mit meinen „Autos stinken“ Schildern durch die Gassen, und mein „Autos töten“ wäre um ein Haar selbsterfüllend geworden. Lang ist’s her!

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