Nationalismus am Bodensee-Radweg

Der Bodensee wird von über 220.000 Touristen pro Jahr per Rad umrundet, und der Bodensee-Radweg ist damit (noch vor dem Donau-Radweg und dem Elbe-Radweg) der beliebteste Radweg Deutschlands, Europas und der Welt.

Bodensee-Radweg

Seine Lage im Dreiländereck ist sicher einer der Gründe für seine Popularität. Doch zugleich ist auch genau das der Grund für ein paar Probleme.

Drei davon möchte ich vorführen.

Hier ist das erste Beispiel:

Die Schweizer Touristiker kommunizieren mit ihrer nationalistischen Brille den Bodensee-Radweg gar nicht. (Wer es nicht glaubt, einfach mal auf Veloland.ch nach dem Bodensee-Radweg suchen). Sie kennen nur nationale Routen, und für sie ist das Schweizer Ufer vom Bodensee-Radweg nur ein Teil der Schweizer Rhein-Route. Dieser Nationalismus geht sogar so weit, dass auf der Schweizer Seite von Konstanz der Radweg etwa 100 Meter an Konstanz vorbei geführt wurde, ohne dass es einen Hinweis auf den Schildern gab, wie man nach Konstanz gelangt – immerhin die größte Stadt am Bodensee.

Ein herrliches Beispiel dafür, wie die Konzentration auf das eigene (rein nationale) Produkt dazu führen kann, die Bedürfnisse der Zielgruppe zu übersehen. Kein Wunder, dass unterdessen fast alle internationalen Reiseveranstalter zwischen Bregenz und Konstanz eine „etwas längere“ Radetappe einführen, um ihre Gäste einfach schnell die Schweiz durchqueren zu lassen, mit dem Resultat, dass dort kein Euro mehr hängen bleibt.

Vor lauter Angst auch nur einen Franken zu verlieren hat man sich also direkt ins eigene kurze Bein geschossen (und direkt ins Herz der Schweizer Hotels am Bodensee, von denen gerade eines nach dem anderen Pleite geht).

Update am 05. März 2016:

Wie mir ein Leser eben mitteilte, kann man den Bodensee-Radweg nun endlich mit der Volltext-Suche finden auf veloland.ch.

Das zweite Beispiel kommt aus Stuttgart.

So hat die dort ansässige Landestourismus-Organisation von Baden-Württemberg in einer (mit den StVO-Regeln nicht konformen) Aktion vor ein paar Jahren sämtliche Schilder am baden-württembergischen Bodensee-Radweg mit „tourismus-bw.de“ beklebt, also einem dreisten Werbehinweis in eigener Sache Verweis auf die eigene Webseite.

Zu doof, dass auf dieser Webseite der Bodensee-Radweg früher nur mit dem kleinen baden-württembergischen Abschnitt aufgetaucht war. Allerdings wurde es danach nicht etwa besser, sondern noch schlechter. Denn auf www.tourismus-bw.de gibt es heute keine einzige Info mehr über den Bodensee-Radweg. Aber auf tausenden Schildern klebt noch immer dieser Hinweis.

Update am 14.8.2014:

Nach Hinweis der TMBW präzisiere ich: Wenn man volltext sucht, dann findet man tatsächlich etwas über den Bodensee-Radweg. Also über den baden-württembergischen Teil vom deutschen Teil vom Bodensee-Radweg. Als gäbe es kein Bayern, kein Österreich und keine Schweiz. Ganze 140 Kilometer lang. Als wäre das Besondere vom Bodensee-Radweg nicht gerade seine Internationalität und seine Lage an den drei Ländern.

Bodensee-Radweg___Tourismus_BW

Hier haben sich also Vetternwirtschaft und Guerilla-Marketing im Ländle gepaart und ein totes Kind geboren. Auf der Strecke bleibt auch hier der Tourist.

Update am 14.8.2014:

Hier seht ihr ein Video von 2010, in dem ich schon damals das Problem benannt habe. Im Prinzip hat sich kaum was geändert seit dem (außer dem geforderten Personalwechsel bei der IBT, der kam zum Glück).

Ganz aktuell erlebe ich dieser Tage ein drittes Beispiel dafür, wie eine national (oder regional) beschränkte Sicht auf ein internationales Produkt dazu führt, dass am Ende das Produkt kaputt gemacht wird und der Kunde mit seinen Beinen abstimmt: er fährt nämlich einfach woanders hin.

Konkret geht es wieder um den Bodensee-Radweg und um die Frage, wie die Kosten für eine Erhebung seiner (eklatanten!) baulichen Schwächen unter den drei Ländern aufgeteilt werden sollen.

Schauen wir uns den Radweg an:

Die Strecke in Deutschland inkl. Reichenau beträgt 160 km:

Bodensee-Radweg Deutschland

Die Strecke in der  Schweiz beträgt 78 km:

Bodensee-Radweg Schweiz

Und die Strecke in Österreich beträgt 20 km:

Bodensee-Radweg Österreich

Wir sprechen also von 255 km, die sich wie folgt auf die einzelnen Länder aufteilen:

  1. Deutschland 62%
  2. Schweiz 29%
  3. Österreich 7%

Und jetzt festhalten: eine solche Erhebung kostet keine 5.000 Euro.

Bei den Gesprächen hat zuerst die Schweizer Seite abgesagt. Weil man koche lieber weiterhin das eigene nationale Süppchen und sei nicht bereit international zu arbeiten.

Und nun steht die deutsche Seite vor der Herausforderung nicht verschnupft zu reagieren, sondern zu sagen: und wir machen es trotzdem. Denn der Bodensee-Radweg ist ein wichtiges Produkt – gerade weil er durch drei Länder geht. So übernehmen wir eben auch noch die Kosten für den Schweizer Teil.

Denn sonst bliebe am Ende wieder ein Projekt auf der Strecke, weil der Bodensee-Radweg in drei Ländern liegt.

Und damit ihr wisst, wovon hier gesprochen wird, verrate ich euch die Summe, an der dieses Projekt gescheitert ist: 1.305 Euro.

Oder, auf Einheimisch: 1.585 Franken.

Das ist ungefähr die Wertschöpfung von 4 Touristen, die um den See fahren. Oder prozentual ausgedrückt eine Wirksamkeit von 0,00018%, ab der sich diese Aktion rechnen würde.

Man kann also annehmen, dass hier irrational entschieden wurde. Weil national.

Kein Wunder, wenn fast alle anderen Radwege größere Zuwächse haben als der Bodensee-Radweg.

PS: Falls die touristischen Stellen auf der deutschen Seite diese 1.305 Euro nicht aufbringen, welche die Schweiz dem Projekt verweigert, dann spende ich sie dem Projekt hiermit übrigens spaßeshalber als Privatperson.

Mal schauen, ob die Schweizer die Eier haben ihre Haltung noch zu korrigieren.

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

8 comments

  1. Werner Fritschi

    Eine solche Erhebung für € 5’000 kann nichts Wert sein (bei 255 km). Nennen wir es also, was es ist: „Geld verbrennen“. Da haben meine Landsleute ja ganz gut reagiert. Die (O-Ton von Ihnen) ekletanten baulichen Schwächen liegen ja vorwiegend in Deutschland (siehe z.B. Meersburg – Friedrichshafen). Wenn das dann mal nach Schweizer Vorbild gelöst ist, kann man die Studie getrost noch machen.

    • Werner, was teuer ist, wird nicht automatisch gut. Und was gut ist, ist nicht automatisch teuer.
      Wir sprechen hier von Europas führender Zertifizierung von Radwegen.

      Und die baulichen Mängel am Bodensee sind wirklich gut verteilt, Meersburg-Friedrichshafen ist sicher ein wichtiger davon, doch dein Reflex spricht mehr für sich als für dich.

      Denn gerade am Untersee auf Schweizer Seite werden zB die Radler in fast jedem Ort auf die viel befahrenen Hauptstraßen geschickt.

      Man könnte fast meinen du hättest Angst vor dem Ergebnis der Erhebung.

  2. Ich muss immer wieder schmunzeln…

  3. Schade, wenn der See so schön ist, dafür aber die Geister so klein sind…

  4. Norbert Brandt

    Der Radweg scheint 2% zu kurz zu sein.

  5. Der Bodensee-Radrundweg ist im Veloland Schweiz sehr wohl aufgeführt, und zwar unter Regionale Wege Rohrschach-Bregenz-….mit Routenbeschreibung und Karten.

    • Eben. Also regionaler Weg. Wer vermutet dort den beliebtesten Radweg der Welt, der drei Länder durchquert. Und die Tatsache, dass der Bodensee-Radweg unterdessen endlich als solcher genannt ist, könnte auch diesem Artikel von mir geschuldet sein, der ja schon vor fast 2 Jahren geschrieben wurde und seit dem für etwas peinliche Unruhe in den Bergen sorgt ;)

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