Mein Fahrrad wird gebaut

So sieht der Arbeitsplatz von Rudolf Pallesen aus, dem Inhaber der Firma Norwid, wo ich mein Traum-Fahrrad bauen lasse.

Hier werden Fahrrad-Rahmen von Hand gebaut. Also nach allen Maßgaben des Kunden. Und diesem Fall bin ich das.

Die Armlänge, Beinlänge, Schulterbreite, gewünschte Sitzposition, Stahl-Arten, Wandstärke und Rohrdurchmesser und vieles mehr fließen hier in meinen ganz persönlichen Rahmen ein.

Allein der Beratungsprozess dauert mehrere Stunden, bei mir geschah das durch eine hervorragende Beratung bei Rad und Tat in Karlsruhe. Oder genau genommen in einem Café dort um die Ecke, wo wir über zwei Stunden lang bei Cappuccino das Für und Wider der verschiedenen Stahl-Arten und aller anderen Details in Bezug auf meinen Einsatzzweck diskutierten.

Und beim “fotogensten” Arbeitsschritt der Entstehung meines Traum-Fahrrads wollte ich dabei sein.

Darum hatte mir die Firma Norwid vorgeschlagen, dass ich zum Zusammenlöten der Rohre und beim Einspannen des Hinterrads in die Werkstatt nördlich von Hamburg kommen könne – was ich im Februar 2012 auch sehr gerne tat.

Dies ist also der Rahmen meines neuen Traum-Fahrrads. Noch in seinen 13 Einzelteilen, die bereits auf die richtigen Maße gebracht sind.

Rudolf Pallesen wird heute aus diesen Rohren meinen Rahmen bauen. Alle Löt-Arbeiten macht der Meister persönlich – und er ist berühmt für die Qualität seiner Arbeit.

Vor dem Zusammenbau werden die Grate an allen Rohre entfernt.

Nicht nur außen, sondern auch innen wird entgratet und gereinigt – hier der Gabelkopf.

Sichtkontrolle des Gabelschafts von innen.

Letzte Bohrungen vor dem Zusammenbau.

Das Gabelschaft wird an die Muffe geheftet.

Nun beginnt der wichtigste Teil. Die Maße meines Rades werden vom Papier auf die Rahmenlehre übertragen, in welche anschließend alle Rohre eingespannt und dort aneinander geheftet werden.

Die Schablone wird auf den Millimeter genau justiert, so dass alle Rohre passgenau gehalten werden.

Letzte Sichtkontrolle der Rohre bevor sie eingespannt werden. Hier sieht man die Schächte für die Kabel und Züge im Inneren meines Unterrohrs.

Nun beginnt die echte Handarbeit, für die es Jahrzehnte Erfahrung braucht: die Enden aller Rohre werden miteinander verlötet. Am Tretlager mithilfe einer Muffe, an allen anderen Stellen im so genannten Fillet-Brazed-Verfahren.

Sie ist das Ergebnis einer jahrelangen Erfahrung im Umgang mit Stahl, Lötmasse und der richtigen Temperatur. Denn nur, wenn die Lötmasse im richtigen Moment an der richtigen Stelle die richtige Temperatur hat (meist zwischen 650 und 750 Grad Celsius), wird sie kapillar zwischen die Teile gezogen bzw. trägt an der richtigen Stelle gut auf.

Die Kettenstreben und die Ausfallenden sind schon da, doch für einen kompletten Hinterbau fehlen noch die Sattenstreben. Anders als alle anderen Rohre, sind sie an ihren oberen Enden noch nicht vorgefertigt.

Am Sattelrohr fehlen noch die Sattelstreben.

Die oberen Enden der Sattelstreben werden ans Sattelrohr angelegt und per Augenmaß an den zu kürzenden Stellen markiert.

An den Markierungen werden die Sattenstreben abgesägt.

Das abgesägte Ende der Sattelstrebe wird geschliffen.

Und anschließend von Hand passgenau gefeilt.

Die Passgenauigkeit wird geprüft.

Die Sattelstreben bekommen nun noch Bohrlöcher, damit sich die durchs Löten erwärmte Luft ausdehnen kann, und durch die später der Rahmen von innen mit Wachs versiegelt werden kann.

Vor dem Anlöten wird eine das Flussmittel aufgetragen, um Oxidation zu vermeiden.

Bei etwa 650 Grad werden die Sattelstreben an das Sattelrohr gelötet. Hier sind erfahrene Hände und gute Augen gefragt, damit die Lötmasse weder zu heiß und flüssig, noch zu kühl und fest wird. Erst die richtige Sämigkeit beim Löten verbindet beide Teile für den Rest des Lebens.

Wenn der Hinterbau fertig ist, wird zur Kontrolle seine Symmetrie gemessen – in diesem Fall ist sie perfekt.

Besonders große Kräfte wirken in einem Fahrradrahmen am Tretlager, wo die Kraft vom Pedal auf die Kette umgelenkt wird.

Darum werden am Tretlager alle vier Rohre von einer stabilen Muffe gefasst und sowohl von außen als auch von innen gelötet.

Nun ist der Rahmen fertig gelötet. Er kühlt nun ab und wird die kommende Nacht in einem Wasserbad verbringen, wo das Flussmittel abgelöst wird.

Derweil schaue ich zu René Ludwig, der rund um meine Rohloff-Nabe das Hinterrad einspeicht.

Um absolute Beständigkeit zu garantieren, werden die Speichen nicht nur abgedrückt, sondern einzeln abgeklopft. So können sich etwaige Verdrehungen sofort lösen, und es ist keine Nachzentrieren nötig.

Die Spannung jeder einzelnen Speiche wird anschließend gemessen, und das Ergebnis ist ein Rad so stabil (und leicht), wie es nur sein kann.

Zum Sonnenuntergang dieses spannenden Tages ist mein Rahmen soweit fertig. Noch etwa drei Wochen, und mein pulverbeschichtetes und komplett ausgestattetes Fahrrad wird fahrbereit sein.

Ich kann es kaum erwarten…

Update am 20. 10. 2012:

Wanna see some Bike-Porn? Hier geht’s zu den Fotos vom fertigen Norwid Traumrad.

About Peter Eich

Seriengründer und Investor. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista.
  • nym

    Sehr sehr schön!
    Mehr davon und mehr Details, Danke.

  • http://internetmanufaktur.com Alex M.

    Sehr schöne Fotos, ich bin angetan! DANKE! (Du fotografierst in meinem Stil, ich bin gerade leicht darüber erschrocken …) Herzliche Gruesse, Alex

    • Peter Eich

      Alex, dann bin ich ja sehr gespannt auf deine Fotos…!

  • Frederik

    Ist das Ergebnis denn so viel besser als ein sehr gutes Rad von einem renommierten Hersteller, dass es den wahrscheinlich nicht unerheblichen Mehrpreis rechtfertigen würde? Kann ich mir ehrlich gesagt kaum vorstellen. Aber vielleicht fehlt mir dazu etwas die Rad-Nerdiness.

    • Pablo Esteban

      Tatsächlich ist ein Hand- und vor allem auf den späteren Nutzer Maßgefertigtes Rad den Preis und die Wartezeit wert. Ist man ausgewachsen hält ein solches Rad in der Regel länger als man damit fahren kann. Welcher Hersteller bietet noch Werksseitig gemuffte oder auch nur gelötete Rahmen an? Selbst ein Stahlrahmen ist ja heute schon absolute Seltenheit. Fazit: Mag der (Massen-) Hersteller auch noch so renomiert sein, handgefertigt ist das Ganze eine völlig andere Nummer.

    • Peter Eich

      Frederik, um ganz ehrlich zu sein: ich weiß es noch nicht. Zur Maßfertigung des Rahmens sage ich momentan noch scherzhaft, dass ich am Ende zufällig die Standardmaße haben werde und so 1000 Euro mehr bezahle für ein Rad, dessen Rahmenmaße ich auch im Kaufhaus bekommen hätte. Freilich niemals in annähernder Qualität.
      Aber für mich zählt auch etwas anderes, das man nicht anfassen und abmessen kann: ich werde dieses Rad lieben, und ich werde mich viel lieber (und damit häufiger) drauf setzen, als wenn ich es von der Stange gekauft hätte.

      • http://bueltge.de/ Frank

        Aber für mich zählt auch etwas anderes, das man nicht anfassen und abmessen kann: ich werde dieses Rad lieben, und ich werde mich viel lieber (und damit häufiger) drauf setzen, als wenn ich es von der Stange gekauft hätte.

        Das ist der entscheidende Faktor; es beruht auf Leidenschaft und dem Geiste sich was eigenes zu machen; die Qualität ist nicht mal unebdingt besser, aber es schafft etwas; bis hinzu Arbeit in der regionalen Ecke. Ich liebe und habe so einige Sachen in Arbeit; immer wieder schwärme ich für was anderes in diese Richtung und das Neue, Neuaufbau einer Handarbeit aus den 70ergern, steht schon wieder in der Werkstatt.

  • http://www.stahlrahmen-bikes.de Iwo

    Ein Maßrad ist eben hundertprozentig DEINS! Nicht nur in punkto maßgefertigter Geometrie, sondern auch in allen konstruktiven Details, die Sinn machen oder einfach nur dem persönlichen Geschmack entsprechen: von der Art der Ausfallenden über die Rohrdurchmesser und Wahl der Füge-Technologie (geschweißt, gemufft, muffenlos gelötet, Bi-Laminate) bis zu Vorbauten und Anbauteilen wie Gepäckträgern nach Maß. Nicht zu vergessen die Wunschlackierung. Das allein ist den Mehrpreis locker wert. Ein Maßrad ist einfach immer ein Unikat, das man (zumindest mit einem Stahl- oder Titanrahmen) ein Leben lang fahren kann.

    • Peter Eich

      Wow Ivo, ich kannte deinen Blog http://www.stahlrahmen-bikes.de noch gar nicht. Klasse! Spätestens jetzt würde ich mich für ein Stahlrahmen-Rad entscheiden, wenn ich es nicht schon getan hätte ;)

  • voelli

    Hallo, handgefertigte und so vermessene Maßrahmen sind natürlich das Highend für jeden Radler. Was entspricht dem z.B. im Automobilbereich? Es ist einfach wunderschön so etwas bekommen zu können. Ich als normaler Radfan mit einfachen Gebrauchsrädern und einem zugeflogenen (geerbten) Pedersen kann von solchen Highlights leider nur träumen. Dennoch ist es immer wieder toll so etwas zu sehen und bewundern zu können. Ich wünsche sehr viel Spaß und immer gute Fahrt mit solch einem Traum.

  • http://www.blesshuhnweg.de/ Harald Legner

    Moin Peter,
    einen tollen Bericht hast du da abgeliefert!
    Danke dafür!
    Ich werde an dich denken, wenn ich bei einer Tour mal wieder bei Norwid vorbeifahre. :-)

    Gruß, Harald

  • tn_o

    Also,

    Rad-Nerdiness hin oder her – kann ja nur zu Protokoll bringen, dass ich mich vor etwa mehr als einem Jahr fuer ein Rad mit Stahlrahmen entschieden habe ( ein Patria Helios, wen’s interessiert).
    Ich habe seitdem das Vorgaenger-Radl ein EINZIGES Mal kurz ausgefahren, obwohl es sich um ein Markenprodukt aus vaterlaendischer Produktion (mit Alurahmen) handelt. Extrawuensche waren wirklch kein Problem, und ich moechte den Komfort eines perfekt abgestimmten Rades nicht mehr missen ( nix zwickt, nix drueckt, egal wievele Kilometer ich abspule).
    Falls man vom Koerperbau in die Rahmenmasse der Fahrradhersteller passt, dann spricht auch nichts dagegen, auf ein preisWERTES Rad von der Stange zurueckzugreifen – falls nicht, dann ist der Mehrpreis sicherlich gut angelegt und auch gerechtfertigt.

  • http://www.stadtpirat.net/ Nico

    Und wie viel kostet der Spaß? :)

    • tn_o

      Falls die Frage an mich gerichtet war:

      http://konfigurator.patria.net/ ; freie Maßanfertigung kostet schlappe 138 Öcken extra – und die finde ich persönlich preiswert.

    • Peter Eich

      In meinem Fall etwa 4.800 Euro.

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