Gespräche über den Wolken

Früher war ich so schüchtern, dass ich sogar einen transatlantischen Flug lang in mein Tagebuch schreiben konnte, warum ich jetzt lieber mit meinem Sitznachbarn sprechen würde als dieses Selbstgespräch darüber ins Tagebuch zu kritzeln.

Doch mittlerweile ist alles im Lot.

Und wenn ich an mir dennoch mal wieder eine seltene Schüchternheit entdecke, dann breche ich reflexartig aus und texte mein Gegenüber zu. Alleine um mir zu beweisen, dass ich es kann. Aber dieses Bedürfnis ist selten geworden, seit ich weiß, dass es geht.

Nur heute, bei einem einstündigen Flug, da wäre es fast wieder soweit gekommen.

Ich stieg ein und nahm am Fenster Platz. Neben mir saß eine junge Frau. Wie bei fast jedem Flug steckte ich mir gleich meine Stöpsel ins Ohr, entschuldigte mich bei meiner Nachbarin dafür mit den Worten, dass sie das bitte nicht persönlich nehmen möge und schlummerte erstmal weg.

Fast jeden Flug beginne ich mit einem Nickerchen.

Als ich aufwache, liest die Frau neben mir in einem Buch. Ich schaue zum Fester hinaus und versuche zu erkennen, wo wir sind. Peters heiteres Städte-, Autobahnen- und Flugplätze-Raten. Mein chronisches Pilotenhobby.

FEnster

Doch nach einer Weile beenden aufziehende Wolken das Spiel, und mein mitgebrachtes Buch langweilt mich. Außerdem entdecke ich den Spielverderber-Monitor über den Sitzen, auf dem unsere Position verraten wird.

Dann denke ich an die Frau neben mir. Sie liest ebenfalls. Ich aber will lieber reden als lesen, und ich erwische mich bei meinem beginnenden Selbstgespräch, in dem ich mir erklären will, dass sie nun wohl lieber ungestört lesen wolle und ich sie höchstens am Ende eines Kapitels stören…

HALT!

Als mir bewusst wird, was für einen schüchternen Blödsinn ich da denke, sammle ich mich eine Minute lang.

Zuerst will ich mir bewusst machen, was für ein Glück es für jeden Sitznachbarn ist, von mir angesprochen und in ein Gespräch verwickelnd zu werden. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall irgend ein Dünger fürs Selbstbewusstsein, um danach einfach drauf los zu reden.

Und dann fällt mir eine Geschichte ein, die mir mein Coaching-Trainer Marc einmal erzählt hat:

Er saß damals in einem Robinson-Club mit seiner Frau an einem großen Tisch, wie es sie immer bei Robinson gibt – damit niemand alleine sitzt und sich die Gäste schneller kennen lernen. Da kam eine Studentin zum Tisch der beiden und fragte, ob sie sich setzen dürfe. Er sagte “ja, gerne”, und seine Frau dachte im selben Moment “So wie mein Mann gerade guckt, wird sie in 5 Minuten das Coaching ihres Lebens bekommen.”

Als Marc mir diese Geschichte erzählte, die natürlich mit einem für die Studentin aufrüttelnden und motivierenden Choaching-Gespräch endete, sagte er augenzwinkernd: “Peter, wenn die sich ausgerechnet zu mir setzen will, dann bettelt sie doch geradezu darum gecoacht zu werden. Und geliefert wird, wie bestellt wird.”

Während ich an diese Geschichte denke, beschließe ich, dass die junge Frau nur deswegen neben mir sitzt, weil sie dieses Gespräch mit mir sucht – auch wenn sie es in genau diesem Moment augenscheinlich selbst noch nicht weiß.

Die Methodik und den Wahrheitsgehalt dieser Kausalität erlaube ich mir also zu ignorieren und vorübergehend gegen ein vielleicht nicht so konsistentes Weltbild auszutauschen, das jedoch in genau dieser Situation viel nützlicher ist.

Ich finde nämlich, du darfst durchaus flexibel mit deinen Werten umgehen, wenn es dir hilft deine Ziele zu erreichen.

Und mir hilft es in diesem Moment.

Ich konzentriere mich also kurz auf mein ehrliches Interesse daran, was die junge Frau in ihrem Leben wohl gerade tue und wohin sie wolle, und von diesem Interesse lasse ich mich in das Gespräch leiten.

“Und, was werden Sie in Hamburg tun?” frage ich sie.

Sie antwortet ausführlicher als nötig, stellt Gegenfragen, und nach wenigen Minuten sind wir in einem Gespräch über Werte und Ziele im Leben und vor allem darüber, wie es ist, wenn diese sich unbemerkt gegenseitig blockieren.

Anfangs erzähle ich Geschichten als Metaphern, bei denen es darum geht, wie gut es für die Protagonisten war, sich in einer Situation für eine Richtung entschieden zu haben.

Dabei wird sie immer unruhiger, und ich merke, wie sehr sie die Geschichten auf sich bezieht.

Nach einer Weile helfe ich ihr dabei, das auszusprechen, was sie beschäftigt.

Sie erzählt mir von einem Dilemma. Nämlich einerseits ihrem Wunsch einer guten Freundin zur Seite zu stehen, die gerade ihre schwer kranke Mutter auf dem Weg in den nahen Tod begleitet. Und andererseits ihrem Selbstverständnis nun zuhause auf eine wichtige Prüfung zu lernen, weswegen sie für alles andere gerade eigentlich keine Zeit habe.

Wir stellen uns gemeinsam Szenarien vor, die dabei entstehen könnten, reisen in Gedanken ein paar Jahre in die Zukunft und schauen von dort auf diese Alternativen zurück.

Als wir gerade landen, sprechen wir noch darüber, welches Bild ihre noch ungeborenen Kinder von ihr als Mutter einmal haben sollen, und ich merke, dass dies ein guter Schlusspunkt für das Thema ist.

Beim Abschied am Gepäckband fällt uns noch auf, dass wir einige Tage später sogar den gleichen Rückflug haben werden. Als wir schließlich gemeinsam das Terminal verlassen, umarmen wir uns herzlich und bedanken uns beieinander für das gute Gespräch.

Die nächsten drei Tage verbringe ich in der aufregenden Gedankenwelt einer Fachkonferenz, und als diese zuende geht, fällt mir wieder ein, wie sehr ich mich auf die Fortsetzung dieses Gespräches beim Rückflug freue. Und außerdem sehr gespannt darauf bin zu erfahren, ob sie tatsächlich eine Entscheidung getroffen haben wird.

Jedoch beim Check-In sehe ich sie nicht.

Und als ich im Flugzeug Platz nehme, sitzen fremde Menschen neben mir, die ich nicht kenne, und die ich plötzlich nicht mag – alleine deswegen, weil ich jemand anderes erwartet habe.

Doch auch bis zum Start betritt sie das Flugzeug nicht.

Ich bin enttäuscht und vertiefe mich – nach einem kurzen Nickerchen – in einen Podcast und versuche mich davon zu überzeugen, dass es keinen Grund für eine Enttäuschung gibt, sondern nur eine gute Gelegenheit, um über meine offenbar falschen Erwartungen nachzudenken.

Als ich nach meiner Landung an meinem Heimatflughafen am Gepäckband stehe, summt mein Telefon.

In der SMS steht:

„Hoffe du hattest einen guten Flug. Bin direkt nach dem Fest weitergereist zu meiner Freundin und ihrer Mutter und bleibe nun erstmal hier. Danke, dass wir uns getroffen haben.“

Und ich?

Ich danke Marc für seine Geschichte. Und den kleinen Ruck, den sie mir immer wieder gibt, wenn ich an sie denke.

Und ich liebe Gespräche über den Wolken!

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

One comment

  1. Danke! :-)

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