Donauradweg, kritisch geradelt

Seit sieben Jahren pendele ich beruflich zwischen Konstanz und Wien, weil wir mit Toursprung in Wien lauter tolle fahrradtouristische Sachen programmieren. Und fast immer fliege ich dorthin.

Doch letzte Woche habe ich mir endlich etwas mehr Zeit genommen und bin die Strecke mit meinem Norwid-Reiserad gefahren.

Route 2,655,621 – powered by www.bikemap.net

 

Ich fuhr also am Bodensee bis Friedrichshafen (laaaaangweilig), von dort aus ungefähr Luftlinie nach München (hüüüüüügelig), und dann die Isar hinab (schot-t-t-t-t-ter) bis zu ihrer Mündung in die Donau, und dann der Donau (Speeeeeeed) entlang bis Wien.

Das waren 795 Kilometer, ich war 5 Tage lang unterwegs und habe meist irgendwo im Zelt geschlafen.

Für schöne Fotos hatte ich (weil gänzlich untrainiert) kaum Zeit, aber das eine oder andere fahrradtouristische Ding habe ich fotografiert.

Schließlich mache ich seit 15 Jahren beruflich Radtourismus, habe etliche Marktführer in diesem Bereich aufgebaut und kenne mich wirklich aus. Da muss ein kritischer Blick einfach sein.

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Anfangs war ich strikt der zuvor auf diversen Portalen erstellten GPX-Tour gefolgt. Doch an dieser Stelle habe ich mich umentschieden.

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Radeln auf den bayerischen Nebenwegen ist mitunter richtig gut.

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Und an Fronleichnam spielen nicht nur überall irgendwelche Kapellen Blasmusik, sondern die Leute stellen auch heiliges Zeug in ihre Fenster – damit jeder sieht, wie fromm sie sind.

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Doch wie gesagt, die bayerischen Nebenwege sind trotzdem Klasse zum Radfahren.

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Espressopause in Landsberg. Guter Kaffee ist leider rar in Bayern.

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Dafür gibt es überall diese kleinen heiligen Rastplätze.

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An denen ein Selbstportrait mit einem kleinen Stativ gar nicht so einfach ist. Ein Missbrauch von Birkenlaub hat mir denn geholfen.

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Und je genauer man auf solche heiligen Rastplätze schaut, desto mehr Details entdeckt man.

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Um nach München zu gelangen, musste ich durch die Finsternis radeln.

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Was immer R9 bedeutet, ich bin ihm gefolgt. Eine kleine Erklärung eines nicht selbsterklärenden Schildes schaffen sie jedoch nicht, die Bayern.

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Nette Rast am Ammersee.

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Rastplatz am Ammersee – the making of.

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Brücke über die Amper. Diese Familie musste etliche Minuten warten, bis sie auf dem dem viel zu schmalen Radweg (der natürlich eine rechtswidrige Benutzungspflicht hat) fahren konnte.

Radwegeplanung geht jedenfalls anders.

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Hahaha, als könnte Tomtom Radrouting…

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Ab München folgte ich dem Isarradweg. Zugegeben, ich war gänzlich uninformiert. Und entsprechend überrascht, dass die gesamte Strecke geschottert ist.

Beim Einfahren eines neuen Ledersattels ist das nicht lustig, und am Abend musste ich aufgeben und den Sattel tauschen.

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Radfahrer sind eine Zielgruppe – selbst am Isarradweg.

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Und immer wieder führte mich die katastrophale Beschilderung in Sackgassen oder auf die falsche Seite der Isar. Wenn die Bayern wenigstens die Radwege in der Openstreetmap richtig pflegen würden…

Wie bei jedem Flussradweg fragt sich jeder Radler an jeder Brücke, auf welcher Seite es nun weiter geht. Selbst ein Schild mit der Aussage, dass beide Seiten möglich sind, hilft nicht weiter, denn man braucht ja eine Entscheidungshilfe.

So gesehen fällt der Isarradweg in meinen Augen komplett (!) durch.

Leute, fahrt woanders!

Hier ist übrigens mein „Cockpit“ zu sehen. Im iPhone laufen diverse Apps (die ich berufsbedingt immer teste). Und sie verbrauchen mehr Strom als das iPhone für eine Tagestour speichern kann.

Darum habe ich im Vorderrad einen SON-28-Nabendynamo. Und an ihm hängt das E-Werk von Busch und Müller, das auf wählbare Spannung und Stromstärke wandelt.

Bei jedem Anhalten stoppt natürlich auch der Stromfluss. Das mag das iPhone leider nicht, und es verweigert sich danach dem Aufladen. Man muss also entweder nach jedem Anhalten (oder genauer: nach jedem Mal, wenn man langsamer als 9 km/h fährt) den Stecker ziehen und neu einstecken und damit einen neuen Ladevorgang definieren. Wenn man’s mal vergisst, ist das Ding ratzfatz leer.

Oder man kauft sich von Busch und Müller auch noch den Pufferakku und schaltet ihn dazwischen. Dann lädt der Dynamo während der Fahrt den Akku auf (und er toleriert Ladepausen), während dieser konstant und ohne Schwankungen das iPhone lädt.

Leider hat mein Pufferakku nicht funktioniert. Ich werde ihn zurückschicken.

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Dort, wo die Isar in die Donau mündet, stirbt wohl gerade ein Dorf. Warum auch immer. Ist jedenfalls wirklich schön (ruhig) dort.

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Kurz hinter Passau wird der Radweg eng. Richtig eng.

In Passau traf ich Jan Jerabek. Er ist Weltrekordhalter im Donauradwegfahren. Ist ihn unterdessen über 100 Mal gefahren. Weil er so eine Art Sascha Hehn auf einem der Schiffe ist, das Radler den Donauradweg entlang führt.

Und er hat mir seinen Sattel geliehen, damit sich mein schmerzender Hintern von harten Ledersattel besser erholen kann.

Hier ist ein Interview mit Jan, das ich 2012 mal spontan gedreht habe:

Und jetzt aufgepasst, ich verrate euch ein Geheimnis:

Den Donauradweg gibt es gar nicht.

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Denn er ist bei fast jeder der vielen Hundert Einmündungen unterbrochen. So wie hier.

Um den Radlern die Rechte zu nehmen, schaltet man den Radweg bei der Querung einer Nebenstraße einfach mal kurz aus.

Klingt harmlos, ist aber erstens rechtlich wirklich relevant. Wer hier (wie es natürlich alle tun) radelt, verliert seinen Versicherungsschutz.

Und zweitens führt es dazu, dass der nunmehr total fragmentierte Radweg in der Openstreetmap im schlimmsten Fall ständig unterbrochen ist und aus lauter kleinen Teilstücken besteht.

Und damit nur ganz schwer für Navigationen zu benutzen ist.

Daran denken die Touristiker bestimmt nicht, denn die wenigsten von ihnen beherrschen digitale Medien und verstehen die Wichtigkeit der Openstreetmap.

Darum sage ich es ihnen hier nochmal: die korrekte Führung eines touristischen (Rad-) Weges in der Openstreetmap ist WICHTIGER als die blöden Schilder.

Und falls noch nicht jetzt, dann eben sehr bald.

Aber das kapieren sie erfahrungsgemäß leider nicht.

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Ja, und nicht nur wenn der Radweg eine Nebenstraße quert, wird der Radweg als solcher einfach kurz ausgeknipst. Sondern auch wenn die Radler mal die Straße queren.

Und nicht vergessen: wir reden hier vom zweiwichtigsten Radweg der Welt mit einigen Hunderttausend Radlern pro Jahr.

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Schön hingegen sind andere Querungen, nämlich wenn der Radweg die Donau quert.

Das wird einem an zig Stellen per Fähre angeboten. Meistens eine kleine Holzbarkasse, die für 1-2 Euro übersetzt.

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Wirklich nett und ein Highlight vom Donauradweg.

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An einer Stelle konkurrieren sogar drei Fähren an drei nahe beieinander liegenden Stellen. Das wird auf den Schildern zwar schön dargestellt, ist für den Radler aber keinerlei Entscheidungshilfe.

Auch hier fehlt das WARUM bei der Auswahl.

Außer wenn man eine Tour beim Veranstalter Rad und Reisen gebucht hat. Denn der weist seinen Gästen mit seinen roten Aufklebern frech und wirkungsvoll den Weg.

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Wenn die Fähre mal gerade auf der anderen Seite ist, dann kann man entweder eine Glocke läuten. Oder aber wie hier ganz wild mit einem Hammer schlagen.

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In Albern fing der Spaß dann richtig an.

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Doch der Ort ist leider nur sehr klein, und der Spaß war gleich wieder vorbei.

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So sieht es abwärts von Linz meistens aus. Perfektes Radfahren.

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Nur wenige Orte denken daran die Radler zu begrüßen. Und ihnen mitzuteilen, wo sie sich befinden.

Grein allerdings hat ein Ortsschild am Radweg (wenn man genau hinschaut).

Und auch hier sieht man die Wichtigkeit der Zielgruppe Radler: Aldi/Hofer wirbt am Radweg.

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An einigen Stellen wird durch große Schilder erklärt, dass man auf beiden Seiten der Donau weiter kommt.

Doch auch hier fehlt eine Entscheidungshilfe.

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Hier haben sie es sich mal wieder leicht gemacht. Weil der „Radweg“ auf der Brücke zu schmal ist, knipst man den Radweg mit einem Schild einfach aus und lässt den Radler schieben.

Was natürlich von 1000 Radlern… äh…. keiner tut.

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Zum Happy End noch ein Bild von kurz vor Wien, wo sich der Weg teilt und endlich mal ein bedürfnisorientiertes Schild bei der Entscheidung hilft, ob man lieber rechts oder links lang radelt.

 

About Peter Eich

Mathematiker und Philosoph eigentlich, Seriengründer und Investor tatsächlich. Gründer von Inselhüpfen, Radweg-Reisen, Bikemap, Toursprung, Tourbook, Bodensee-Verlag, und Cyclesummit. Außerdem Referent, Immobilien-Investor, Pilot, NLP-Coach und Barista. Und meistens unterwegs.

6 comments

  1. Wolfgang Becker

    gefällt mir,

    zeigt aber leider auch das der Unsinn mit der benutzungspflicht einfach nicht aussterben will.

  2. Bernhard Wittlinger

    gefällt mir auch, wie fast alles hier.

    Der fehlende Versicherungsschutz für bei „Radfahrer absteigen“ fahrenden Radfahrern, kann aber nur als neuester Hoax durchgehen. Eine Haftpflichtversicherung, wenn sie besteht, muss für den Fremdschaden einstehen. Es wäre auch kein Fall für den Regress.

    Höchstens der Eigenschaden wäre unter Umständen teilweise nicht versichert. Nämlich dann, wenn man grobe Fahrlässigkeit annimmt, der Schaden nicht auch beim Schieben entstehen kann, und vor allem der Eigenschaden überhaupt über eine spezielle Versicherung versichert ist.

    Ich habe als Anwalt auch erhebliche Zweifel, ob man für Radwege, bei denen Du zu Recht feststellst, dass sie keine sind, eine Benutzungspflicht mit einem Verkehrszeichen ( weißes Fahrrad mit oder ohne FußgängerIn auf blauem Hintergrund auf rundem Schild) anordnen kann.

    Die bayrischen Verkehrsbehörden haben bis zum Bundesverwaltungsgericht prozessiert und mussten sich belehren lassen, dass eine Benutzungspflicht nur noch als Ausnahme unter bestimmten Bedingungen angeordnet werden kann. ( http://www.bverwg.de/entscheidungen/entscheidung.php?ent=181110U3C42.09.0 ).

    Widerspruch gegen die Anordnung durch das Verkehrszeichen kann übrigens jeder einlegen, der davon betroffen ist und das Schild nicht schon ein Jahr kennt.

  3. ich war auf diesem abschnitt des donau-radwegs noch nie, aber ich finde ja die strecke von tuttlingen nach sigmaringen immernoch einer der schönsten abschnitte – und ist nicht so weit weg :D

  4. Hier im hohen Norden hört man auch soviel über den Donau(rad)weg. Also haben wir uns dieses Jahr aufgemacht, sind mit dem Zug nach Wien gefahren und von Wien die Donau, den Neckar, den Hess.R4, den Vulkanradweg und den Weserradweg zurück nach Hannover geradelt.
    Donauradweg in Österreich einfach gut, Donauradweg in Deutschland man gerade ein ausreichend!
    Viel schöner und besser war da der Neckartalradweg und der Vulkanradweg.
    Mängelliste des deutschen Donauradweg: Flickenteppiche als Radweg (Benutzungspflicht ignorieren wir seit 2 Jahren schon – ein Verwarngeld kann mit dem Hinweis auf die Verletzungsgefahr jederzeit vermieden werden), in jedem Dorf rauf zur Kirche und wieder raus, Informationen über Verpflegung, Unterkünfte, Touristenattraktionen am Radweg, wenn dann nur durch Werbung der Geschäfte, nichts von einer Touristinfo o.ä.
    Keine Ortstafeln an den Ortseingängen, man kann nur raten, wo man gerade ist u.v.m

    • Christine Rieder

      Bin aus Salzburg,kann Dir bzgl. der bayr. Radwege nur zustimmen????leider….bei uns trifft man sehr viele Radler aus Deutschland….sind meistens begeistert über die Infrastruktur….obwohl es auch hier einige gravierende Mängel gibt (Tauernradweg)an dem ich wohne….unsere und Eure „Radweg-Verantwortlichen“empfehle ich eine Exkursion nach Südtirol…..da gibt es tolle Radwege! Wir überlegen schon lange,mal die Elbe abzuradeln,aber so wirklich trauen wir uns nicht????????????man liest tw.soo schlechte Kritiken darüber! So bleiben wir lieber in Ö oder Südtirol,denn da ist die Anreise nicht so weit und man weiß,was einem ungefähr erwartet!Möchte noch hinzufügen,“wir“sind ein Paar 60plus und radeln pro Saison ca.5000km

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